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Business as usual: Photo, Nahaufnahme von einem Hängeregister mit hellbraunen Mappen.

Business as usual in der heißen Prüfungsphase

Lorena Hoormann fragt nach Beiträgen zum „Business as usual“. Mit diesem Blogparadenthema meint sie die Dinge und Aktivitäten, die sich im Zusammenhang mit einer Tätigkeit ergeben, die wir selbst manchmal gar nicht so spektakulär finden. Den Alltag eben. In ihrem Blogparadenaufruf sagt sie:

Ich beobachte in diesem Jahr bewusst und besonders genau meine Wahrnehmung davon, was ich mir vornehme, was ich glaube, in welcher Zeit erledigen zu können und was dann wirklich Realität wird. Und ein wichtiges Prinzip ist dabei, mir mit Interesse und Nachsicht zu begegnen. Da kam mir #MeinBusinessAsUsual2024 sehr gelegen 😀

Als Nachhilfelehrerin folge ich größtenteils dem Zyklus des Schuljahres, da ist es mit der Alltäglichkeit schon von sich aus nicht so gleichmäßig verteilt. Auch die Student*innen, die sich von mir durch Mathematikprüfungen im Nebenfach begleiten lassen, kommen und gehen im Rhythmus der Klausurtermine.

Zur Zeit unterrichte ich fast nur Menschen auf der Zielgeraden zum Abitur. Spätestens ab der zweiten Maiwoche wird sich daher mein Stundenplan drastisch verkleinern.

Und doch gibt es ein paar Konstanten. Es gibt ein paar Aspekte an meinem Tagesablauf, die ich selbst spannend finde und solche, die ich ich eher pflichtgemäß erledige.

Eine typische Woche

Einen Teil meiner Nachhilfestunden unterrichte ich in einem lokalen Institut bei den „Lerncoaches“. Den Betreiber kenne ich aus den Jahren, in denen wir noch beide beim Studienkreis in Krupunder tätig waren. Irgendwann hat er sich selbstständig gemacht und ein florierendes Unternehmen aufgebaut. Und zwar mit viel Liebe und Wertschätzung den Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften gegenüber.

Ein Whiteboard an einer leuchtend grünen Wand. Auf dem Board ist ein Koordinatensystem gezeichnet mit einer Kurve darin. Hoch und Tiefpunkte sind markiert.
Bei den Lerncoaches

An zwei Tagen in der Woche unterrichte ich bei ihm Kleingruppen von maximal vier Schüler*innen, zur Zeit nur in Mathematik. In diesem Fach drückt der Schuh offensichtlich am nachhaltigsten.

Als ehemalige Lehrerin weiß ich die kleinen Gruppen und die Lernbereitschaft aller Beteiligten zu schätzen. So habe ich die Freiheit, immer wieder drei bis zehn Schritte zurück zu treten und zum Beispiel noch einmal die Grundlagen der Bruchrechnung zu besprechen, wenn es daran in der Stochastik hakt.

Meine anderen Stunden gebe ich als selbstständige Lehrerin. Im Laufe meines beruflichen Weges war ich nie besonders dafür geeignet, mich als Angestellte in eine Hierarchie einzuordnen. Nicht, dass ich die große Rebellin wäre. Allerdings hat es mich extrem demotiviert, mit den Lehrkräften von Parallelklassen gleichschrittig mit den gleichen Arbeitsblättern zu arbeiten und am gleichen Tag die gleiche Arbeit zu schreiben.

2014 habe ich meinen Vertrag als Lehrerin im Schuldienst gekündigt. Ein befristeteter Ausflug in die Welt der Formulare und Verträge mit dem Schulamt im letzten Jahr hat mich wieder drastisch daran erinnert, wie sehr das alles nicht meiner Persönlichkeit entspricht.

Aussicht aus meinem Unterrichtsraum

Meine eigenen Schüler*innen sind ein bisschen gemischter als meine Abivorbereitungskusre bei den Lerncoaches. Der Jüngste geht in die sechste Klasse, die beiden Ältesten studieren Business Administration an einer internationalen Uni in Hamburg und brauchen englischsprachige mathematische Unterstützung in Micro Economics und Statistics.

Meistens unterrichte ich nachmittags, habe also am Vormittag viel frei, im genauen Gegensatz zu meiner Tageseinteilung im Schuldienst. Es sei denn, einer meiner Schüler hat wieder einen großen Freistundenblock mitten am Morgen 😉

Einen Teil meiner Stunden gebe ich in meinem Unterrichtsraum. Als wir nach Halstenbek zogen, haben wir das Haus danach ausgesucht, dass ich einen Raum nur für meine Nachhilfe habe. Er war schon in einem freundlichen Gelb gestrichen und hat ein Halbparterre-Kellerfenster in den Garten. 2021 wurde dort dann auch das Provisorium „keine Fußleisten“ beseitigt und ein gemütlicher Teppich verlegt.

Zu einer Handvoll meiner Schüler fahre ich nach Hause, solange sie im Umkreis von ungefähr 10 Kilometern fahren. Mit anderen treffe ich mich online. Da bin ich gerade dabei, eine neue Software auszuprobieren. Diese Mischung aus unterschiedlichen Formen, Menschen dort zu begegnen, wo es für sie am besten passt, sorgt auch dafür, dass mir nicht langweilig wird 😀

Vertraglich biete ich an, auch in den Ferien zu unterrichten. Das wird von einigen angenommen, andere gönnen sich die wohlverdienten Auszeiten. Entsprechend habe ich aktuell in den Osterferien etwas mehr Freiraum, gleichzeitig buchen ein paar meiner Abiturient*innen ein paar Extrastunden dazu.

An Wochenenden mache ich keine festen Termine mehr. Eine Zeitlang habe ich dadurch versucht, mehr Flexibilität in meine Termine zu bekommen. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass von beiden Seiten immer wieder etwas dazwischen kam, mehr als an anderen Wochentagen. Entsprechend habe ich beschlossen, mir das Wochenende freizuhalten.

Der Bürokram

Der Haken an der Selbstständigkeit: Ich muss mich selbst organisieren. Verträge und Rechnungen schreiben. Papierstapel sortieren und ablegen. Überweisungen überprüfen und Strichlisten für gegebene Stunden führen. Das entspricht auch beim besten Willen nicht meinem Naturell. Allerdings ist das der Preis, den ich für die Freiheit zahle. Wenn ich so unterrichten kann, wie ich es für sinnvoll halte, dann nehme ich den extra Aufwand in Kauf.

Inzwischen hadere ich auch nicht mehr so mit der Buchhaltung. Und zum Glück sind die Eltern, mit denen ich zusammen arbeite, zuverlässig genug, dass ich überhaupt nicht darüber nachdenken muss, Mahnungen zu schreiben. Sie erinnern mich eher daran, wenn es mal ein paar Tage über den Monatswechsel hinaus dauert, dass ich Rechnungen verschicke 😀

Mein ganz und gar nicht elektronischer Terminplan. Ich wundere mich auch.

Mein Kompromiss in Sachen Papierstapel heißt Hängeregister. Verträge und andere Ausdrucke hochkant in Mappen zu stecken empfinde ich auf jeden Fall als machbar im Vergleich zum Lochen und Heften.

Als ich mir ein paar Hängeregisterkartons zulegte, konnte ich auch meine scheinbar überbordende Sammlung an Arbeitsblättern endlich strukturiert bändigen. Ich bin zwar vielleicht die typische Lehrkraft, die mit keinem fertigen Arbeitsblatt 100% einverstanden ist. Allerdings ist es schon oft sinnvoll, eine vorberechnete Aufgabe aus der Mappe zu ziehen, als sich eine Funktion auszudenken, deren Hoch-, Tief und Wendepunkte dann bei sehr ungefälligen Koordinaten landen.

Die Steuererklärung macht zu meinem großen Glück größtenteils mein Mann. Ich muss nur Belege und Strichlisten anliefern, nichts selbst eintippen. Formulare sind immer noch mein Endgegner.

Inspirationen

Unterricht hat für mich auch die Aufgabe, die Gesellschaft voranzubringen auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft. Gerade im März habe ich an einer Schulung von „Mensch Tier Bildung“ teilgenommen. Diese Organisation geht mit Workshops zu dem Themen „Tiere in der Landwirtschaft“, „Klimakrise“ und „Milchproduktion“ an Schulen.

eine Schultafel mit mehreren magnetischen Puzzleteilen, die sich zu einem Schema zusammenfügen, das den Treibhauseffekt erklärt

Ich habe schon einmal 2022 bei einem dieser Workshops assistiert und wäre gerne wieder dabei, sollte sich noch einmal etwas in meiner Nähe ergeben. Auch abgesehen vom Tierrechtsaspekt kann ich mir gut vorstellen, zum Thema Klimakrise an Schulen zu gehen.

Lernen ist für mich die allerschönste Verwendung meiner Lebenszeit. Um immer wieder neue Ideen zu haben, wie ich Inhalte vermitteln kann, sehe ich vormittags häufig Lernvideos auf Youtube an. Mir gefällt es sehr, wie unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Temperamenten Wissensinhalte präsentieren. Dies sind nur ein paar der Kanäle, denen ich folge:

Sie alle machen motivierende und verständliche Lernvideos aus den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften. Und ich nehme immer ein spannendes Detail für meinen eigenen Unterricht mit.

Der Vorteil und Nachteil an der Selbstständigkeit ist das flexible Einteilen der Zeit. Ich versuche, das Beste daraus zu machen: Wenn ich schon gerne Zeit online verbringe, dann kann ich mich dafür entscheiden, das konstruktiv zu gestalten. Und wenn ich mich jeden Tag durch die neuesten Quordles kniffele, arbeite ich in Wirklichkeit daran, meinen aktiven Englischwortschatz lebendig zu halten 😉

Ein weiterer Youtubekanal, AnimatorIslandTV, informiert unter anderem über den Umgang mit der Software OpenToonz. In unterhaltsamen kleinen Häppchen erklärt Ferdinand Engländer, mit welchen Techniken und Grundsätzen ansprechende Animationen entstehen. Und dieses Stichwort bringt mich zum Thema „Wie kann ich mein Wissen in die Welt bringen?“

Meine Plattformen

Meine eigenen Animations-Ambitionen kommen im Schneckentempo voran. Der Plan ist, kleine Erklärungshäppchen auf meinem Youtubekanal hochzuladen auf dem bisher nur Meditationen aus dem Selbstfürsorgebereich zu finden sind.

Einerseits plane ich diese Lernvideos in Mathematik und Englisch für meine eigenen Schüler*innen zur Wiederholung. Andererseits für alle diejenigen, die meine Kurvendiskussions-Pantomimen leider nicht live und in Person erleben können.

Auf Instagram interagiere ich deutlich häufiger als auf Facebook, auch weil ich zum 1. Januar ein Facebookfasten für mein privates Profil beschlossen hatte und mir das so gut getan hat. Altersmäßig ist vermutlich meine Zielgruppe der Jugendlichen bis 20 Jahre gar nicht mehr so auf Insta und Facebook vertreten.

Ähnlich sieht es mit meinem Mastodon-Account aus, den ich schon vor einer Weile eingerichtet habe, auf dem ich aber noch nicht aktiv bin. Das Fediverse ist eine sehr angenehme Gesellschaft, allerdings scheint mir auch dort das Durchschnittsalter etwas höher zu sein. Ich habe mich tatsächlich auf TikTok schon angemeldet, aber das muss warten bis nach den Abiturprüfungen.

Was ich in den letzten Wochen endlich abhaken konnte: Ich bin die IQB-Mathe-Abiturklausuren der vergangenen sieben Jahre durchgegangen und habe die sich wiederholenden Aufgabentypen inklusive Tipps zum Ansatz aufgelistet und verbloggt. Meinen ersten Blog hatte ich 2006, aber erst seit 2020 blogge ich intensiver auf meiner professionellen Webseite. Mit wachsender Begeisterung 😀

Schreiben, Photos und GIMP-Grafiken basteln und Geogebraobjekte maßzuschneidern sind gleichzeitig zeitintensiv und wunderbare Möglichkeiten, meine Gedanken so auszudrücken, dass ich bei anderen Menschen dazu betragen kann, dass sich Knoten lösen.

Ich sehe immer wieder, wie Schüler*innen daran scheitern, dass sie einfach die Sprache nicht verstehen, auf der viele Sachaufgaben basieren. Wenn sie den Schlüssel dafür in die Hand gelegt bekommen, können sie oft die Probleme erfolgreich eigenständig bearbeiten. Und ich finde es schade, dass es so oft nur daran hängt, dass nicht klar ist, wie eine Aufgabe gemeint ist.

Wenn ich mit dem vierten Blogartikel der Abitur-Serie fertig bin, steht als nächstes ein Quizplugin auf der Liste. Das wird eine Art Mathematik-Vokabeltraining, um genau diese Sprachbarriere zu verringern. Und sollten mir dafür irgendwann keine Quizfragen mehr einfallen, hoffe ich auf eine neue Idee, wie ich mehr Freude am Lernen in die Welt bringen kann.

Was ist schon usual?

Mich fragte neulich ein Schüler aus für mich heiterem Himmel:

Sind Sie eigentlich glücklich?

Wenn ich mir meinen „Alltag“ so ansehe, bin ich sehr dankbar, dass meine berufliche Tätigkeit so wenig „Alltag“ ist, so viel Freiheit bietet und gleichzeitig so viel Struktur und liebe Gewohnheiten ermöglicht. Ich war auch meinem Schüler für diese Frage sehr dankbar und habe beschlossen, regelmäßiger wahrzunehmen, wie glücklich mich mein Beruf macht.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann dass möglichst viele Menschen ihren Beruf nicht nach einem „usual“ ausrichten, sondern danach, dass sie den Montag nicht fürchten und den Freitag nicht herbeisehnen. Die Welt wäre ein besserer Ort.

Wie sieht es bei dir aus?

Hast du einen Alltag? Wenn ja oder nein, würdest du daran etwas ändern? Ist dir bewusst, wie viel du eigentlich schaffst? Wie viel du tust, was dir selbstverständlich scheint, womit du aber die Welt ein Stück weiter bringst?

Dir vielen Dank dafür, auch fürs Lesen, und vielen Dank an Lorena für die Anregung zu meinem Blick auf mein business as usual 🩷


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Kommentare

2 Antworten zu „Business as usual in der heißen Prüfungsphase“

  1. Liebe Angela,

    was für ein toller Artikel!
    Es ist richtig spürbar, wie sehr du deinen Beruf liebst und mit wie viel Ideenreichtum du deine Schüler*innen und Studierenden unterstützt. Wirklich spannend, wie dein Alltag aussieht und danke fürs Mitnehmen in ebendiesen 🙂
    Ganz liebe Grüße,
    Lorena

    1. Liebe Lorena, vielen Dank für diese wunderbare Rückmeldung 😀 Danke dir nochmal für die tolle Idee für diese Blogparade! Ich bin echt gespannt auf all die anderen Beiträge. Fürs Wochenende habe ich mir vorgenommen, die zu lesen.
      Liebe Grüße
      Angela

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