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Photo von einem kleinen blauen Mülleimer mit Schwingdeckel

Kognitive Dissonanz und Müllbeutel

Das Thema kognitive Dissonanz begegnet mir immer wieder. Und ich finde es immer wieder schwierig, damit konstruktiv umzugehen. Vielleicht geht es dir ja auch so?

Vor kurzem kommentierte ich unter einem witzig gemeinten Video auf Instagram. Es ging um Müllbeutel, die anscheinend immer die falsche Größe haben. Ich schrieb, dass ich in meinem Erwachsenenleben nie Müllbeutel verwendet habe und daher auch kein Größenproblem. Das war auch von mir nicht blutig ernst gemeint.

Da war aber was los: Ein paar Personen teilten mir mit, das mache mich nicht zum Jesus. Viele andere erklärten mir, warum es absolut unmöglich ist, einen Mülleimer ohne Müllbeutel zu betreiben.

Nun glaube ich nicht, dass mein Leben ohne Müllbeutel die Welt rettet. Oder dass ich deswegen ein besserer Mensch bin. Ich finde es nur schwer nachvollziehbar, warum ein Mülleimer steril sauber sein soll. Müll ist Müll und ich will aus dem Eimer ja nicht essen.

Echte und scheinbare Gründe

Was sprach aus Sicht anderer Menschen gegen meine Müllstrategie?

  • Müllbeutel sind teils vom Vermieter vorgeschrieben.
  • Ohne muss der Mülleimer dauernd geputzt werden -> Wasserverschwendung
  • Ohne Müllbeutel kommen Maden.
  • Dann müsste ich ja den Eimer zur Tonne schleppen.
  • Dann wäre der Eimer voll „Saft von all den Lebensmitteln„.
  • Mit so einer kleinen Einsparung ändere ich gar nichts.
  • „Ich möchte nicht dein Bad und deine Küche sehen!“
  • Dann wäre die Tonne voller Schimmel.
  • Das ist super eklig!

Den ersten Einwand finde ich überzeugend. Wenn ich zur Miete wohne und es eine Hausordnung gibt, muss ich mich an ein paar Dinge halten, die ich vielleicht für nicht sinnvoll halte.

Die anderen Szenarien sind das Gegenteil meiner Realität:

  • Ich putze den Eimer nicht dauernd.
  • Im Eimer sind keine Maden, kein Saft und kein Schimmel.
  • Ob im Beutel oder im Eimer: Zur Tonne muss ich den Müll so oder so schleppen.
  • Wenn ich mir im Supermarkt (oder im Auslöservideo) die Regalmeter mit Müllbeuteln ansehe: Da kommen schon ein paar Tonnen zusammen. Also jede Menge Änderungspotential.

Wenn es wirklich alles so eklig wäre, wäre ich schon längst auch zu Müllbeuteln übergegangen. Vielleicht verlockt auch so ein Beutel dazu, nassere Dinge und Lebensmittelreste wegzuschmeißen. Oder ich habe weniger Restmüll. Das weiß ich nicht.

Kognitive Dissonanz und ihre Folgen

Was ich weiß: Wenn wir Menschen Gewohnheiten haben und es kommt jemand daher und macht etwas anders, dann knirscht es manchmal. Besonders dann, wenn wir eigentlich wissen, dass unsere Gewohnheit negative Konsequenzen hat. Für unsere Gesundheit, für andere Menschen oder für die Umwelt.

Wir möchten eigentlich ethisch möglichst einwandfrei sein. Wir möchten aber auch nicht so gerne unsere Gewohnheiten aufgeben. Oder uns eingestehen, dass wir jahrelang bis jahrzehntelang etwas gemacht haben, was negative Folgen hat und (besonders schlimm!) gar nicht notwendig war.

Das unangenehme Gefühl, das dabei entsteht, ist die kognitive Dissonanz. Diese Spannung zwischen unserem idealen Selbstbild und der Konfrontation mit dem Widerspruch versuchen wir loszuwerden oder zu senken: Wir haben dazu zwei hauptsächliche Optionen:

  1. Wir können unser Verhalten ändern. Das kostet Energie und das Eingeständnis, dass wir vorher nicht so ideal gehandelt haben, wie wir dachten.
  2. Wir können der Person, die uns eine Alternative aufzeigt, mit Nachdruck erklären, warum ihre Strategie nicht besser / schlimmer / nicht praktikabel / eklig / und so weiter und so weiter ist. Auch wenn diese Person uns vorlebt, dass ihre Alternative sehr wohl funktioniert und offensichtlich weniger negative Folgen hat.

Nachhaltiger und für alle Beteiligten angenehmer ist natürlich die Verhaltensänderung. Realistisch ist sie leider nicht, und das geht uns allen so. Wir versuchen oft, uns das Problem neu zu erklären, sodass wir uns nicht ändern oder infrage stellen müssen. Wie gesagt, das spart ja auch Energie.

Do-Gooder-Derogation

Der wütende Umgang mit kognitiver Dissonanz hat einen speziellen Namen: Do-Gooder-Derogation. Wenn Menschen mit etwas erfolgreich sind, oder etwas tun, was für die Welt gut ist, macht das andere Menschen ärgerlich. Auf den ersten Blick scheint das schwer verständlich. Dahinter liegt allerdings die Furcht, verurteilt zu werden und dann schon einmal vorsorglich zum Angriff überzugehen.

Wo ist das Problem?

Wenn es nur ein Austausch mit Fremden in den sozialen Medien ist und sich dabei beide ärgern, ist kognitive Dissonanz letztlich nur eine persönliche Angelegenheit. Oft geht es allerdings gerade um dringend nötige Verhaltensänderungen. Nötig für die Menschheit und für das Ökosystem. Und dann ist es sehr frustrierend, wenn jemand so genau entgegengesetzt reagiert. Mehr noch, wir können uns das irgendwann nicht mehr leisten.

Was tun bei kognitiver Dissonanz?

Im Umgang mit Do-Gooder-Derogation zeigen Studien, dass es weniger Ablehnung gibt, wenn zum Bericht über Erfolge oder neue Gewohnheiten dazu gesagt wird, dass es eine persönliche Geschichte ist. Und vor allem, dass es nicht darum geht, jemand zu verurteilen.

Meine Erfahrungen in der Müllbeutelgeschichte waren gemischt. Obwohl ich dazu sagte, dass mir bewusst ist, dass ein Eimer ohne Beutel nicht für alle praktikabel ist, bekomme ich immer noch mindestens abwehrende Antworten. Gleichzeitig habe ich für diese extra Anmerkung auch positives Feedback bekommen.

Wichtig ist es auch, sich bewusst zu machen, wie wir Menschen im Durchschnitt gestrickt sind. Wenn ich heftige Reaktionen von anderen bekomme, sollte mich das nicht überraschen. Und auch bei mir selbst rechne ich damit, dass ich irrational ärgerlich werden könnte. Gegenseitiges Wohlwollen ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass beide aus der Situation einigermaßen zufrieden herausgehen.

Damit ist aber eher das Miteinander gerettet. Die wichtigen Verhaltensänderungen passieren oft weiterhin nicht. Das kollidiert mit meiner Sorge um die Zukunft und meiner Tendenz zur Ungeduld. Und für dieses Problem habe ich (bisher) keine Lösung.

Was ich mir wünsche

In der Situation auf Instagram wollte ich gar keinen Streit anzetteln. Es war wohl etwas naiv von mir gedacht, dass meine Sicht auf die Müllproblematik als humorvoll ankommt. Dabei habe ich im Outreach für veganes Leben schon sehr oft die Effekte der kognitiven Dissonanz erlebt. Und ich habe Verständnis dafür, schließlich passiert mir das auch, wenn ich damit konfrontiert werde, wie andere Menschen sich in anderen Zusammenhängen sinnvoller oder umweltschonender verhalten. Wir sind ja alle nur Menschen.

Richtig anstrengend fand ich, wie mir wiederholt erklärt wurde, dass meine Realität ja nicht realistisch ist. Ich hätte mir gewünscht, dass die anderen dann wenigstens einen Moment lang nachgedacht hätten, bevor sie mir erklären, wie super eklig ich bin. Als ob Müll dadurch nicht mehr müllig wäre, dass er verpackt wird.

Ich würde mir wünschen, dass wir einander ruhiger und offener zuhören, wenn jemand eine Alternative zu gängigen Verhaltensweisen präsentiert. Einfach mal ein bisschen sacken lassen und darüber nachdenken.

Einerseits weiß ich, dass das etwas unrealistisch ist. Andererseits ist es für mich auch eine Form von Ernstnehmen, dass ich Menschen zutraue, nicht sofort loszuschimpfen, wenn jemand etwas anders macht als sie.

Zusätzlich gibt es als Kompromiss tatsächlich Müllbeutel, die aus gesammeltem und recyceltem Wildplastik (Link zum Produkt) hergestellt werden.

Was meinst du?

Wie geht es dir damit, wenn du kognitive Dissonanz in dir spürst? Oder wenn du versuchst, Menschen etwas näherzubringen, nur um dir eine große Portion Empörung abzuholen?

Glaubst du, dass wir Menschen es schaffen können, in solchen Momenten tief durchzuatmen und nicht von der inneren Spannung angetrieben an die Decke zu gehen?

Hast du noch eine andere Idee, wie wir Menschen zu nötigen Veränderungen motivieren können?


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Kommentare

2 Antworten zu „Kognitive Dissonanz und Müllbeutel“

  1. Katja

    Liebe Angela,

    wenn ich kognitive Dissonanz bei solchen Themen spüre, versuche ich, das erst mal stehenzulassen, bis diese erste automatische Abwehr etwas abgeflaut ist – und dann in Ruhe darüber nachzudenken, ob und wieso (oder wieso nicht) etwas für mich praktikabel ist. Ich kann auch mit Einsichten wie „Ja, das wäre besser, aber ich bin zu faul/unmotiviert/geizig/etc, das aktuell, jetzt, heute zu ändern, aber es kommt auf meine geistige Wiedervorlageliste“ leben.

    Um beim Beispiel zu bleiben – ich verwende übrigens auch nur noch selten Müllbeutel, und da bist du dran schuld ;-). Denn als du mir vor längerer Zeit davon erzählt hast, dachte ich – ja, stimmt irgendwie, kann ich ja mal probieren. Ich lege seitdem immer etwas Zeitungspapier unten in die Müllbehälter, egal ob Bio, Hygiene oder Restmüll (grüner Punkt muss hier in Säcke verpackt werden).

    Ehrlich gesagt, mieft es seitdem viel weniger als vorher. Die Eimer wasche ich hin und wieder aus und fertig.

    1. Liebe Katja, vielen Dank für den Kommentar 😀 Und vor allem freue ich mich, wie schon gesagt, dass dich das inspiriert hat. Für das Stehenlassen müssen wir ja erstmal ein Bewusstsein dafür haben, dass wir so einen Widerspruch im Hirn haben. Und da bin ich dran, das möglichst unters Volk zu bringen, damit mehr Menschen ein bisschen entspannter reagieren können 😉
      Liebe Grüße!

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