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Meine Grenzen: Ein karierter Block liegt auf einer Granitplatte. Auf dem obersten Blatt steht mit lila Tinte geschrieben: Nein

Meine Grenzen

Im Oktober schrieb ich eine ToWant-Liste. Als Punkt 20 notierte ich mir: „Mindestens einmal beruflich Nein sagen.“

Mir fällt dieses Wort auch privat nicht immer leicht. Zuerst müsste ich oft überhaupt bemerken, was ich eigentlich gar nicht möchte. Beruflich meine Grenzen zu setzen und darauf zu achten, dass ich sie nicht übertrete, ist für mich noch etwas schwieriger. Im November hatte ich prompt jede Menge Gelegenheit zum Üben.

Bürokratiegrenzen

Der Vorlauf

Die Kurzversion der Geschichte: Ich hatte mich zur Mitarbeit an einem Projekt bereit erklärt. Scheibchenweise wurde daraus eine zeitlich befristete Anstellung bei einer Behörde. Und das, obwohl Bürokratie erfahrungsgemäß nichts für mich ist.

Ich hatte schon beim ersten Ja ein ungutes Gefühl. Meine Zusage basierte aber auf einer Aufgabe, die mir sehr am Herzen liegt. Dazu kommt, dass ich damit jemand aus einer sehr unschönen Lage würde heraushelfen können.

Dann stand plötzlich ein Angestelltenvertrag im Raum. Wochenlang informierte mich die Behörde nicht über die Konditionen. Geschweige denn, dass ich daran beteiligt worden wäre. Bis plötzlich an einem Freitag voller anderer Termine mein Anrufbeantworter richtig viel zu tun hatte. Diverse E-Mails und Nachrichten revidierten sich teils hektisch gegenseitig und ich hörte:

„Sie müssen sich in das Portal XY eintragen.“

Ich muss gar nichts

An der Stelle war für mich erstmal Schluss. Ich bin aus dem Öffentlichen Dienst ausgestiegen, weil diese ständige Müssen mir nicht entspricht. Natürlich kooperiere ich immer, wenn es sinnvoll und notwendig ist. Ich lasse mich aber nicht mehr herumzerren und springe nicht mehr, weil ich angeblich muss. Also sagte ich die Sache erst einmal ab.

Das führte zu einem interessanten Kippen der Verhältnisse. Auf einmal wurde ich zerknirscht angerufen. Meine Fragen wurden so weit geklärt, dass ich vorläufig wieder Ja sagen konnte.

Als ich im weiteren Verlauf auf technische Ungereimtheiten im Portal XY stieß, für die mir die Telefonnummer einer anderen Dienststelle genannt wurde, sagte ich wieder Nein. Und zu meiner Freude war es der Person am anderen Ende der E-Mail-Leitung plötzlich möglich, die nötige Information für mich heraus zu finden.

Der Standardvertrag

Damit war der Lernprozess nicht zu Ende. Der Vertrag, der mir zugeschickt wurde, enthielt eine Klausel, die vorher nicht abgesprochen war. Auch das Anschreiben wies noch einmal extra darauf hin. Meine Nachfrage ergab, das sei ein Standardvertrag, der könne nicht geändert werden. Dieser starre Bürokratismus hat noch einmal bestätigt, warum es für mich damals richtig war, aus dem öffentlichen Dienst auszusteigen.

Also sagte ich wieder vorläufig Nein. Um dieses Projekt antreten zu können und dabei meine Grenzen zu wahren, verlangte ich eine schriftliche Bescheinigung, dass diese Klausel für mich nicht gilt. Zu meinem Erstaunen bekam ich diese ohne Probleme und ansonsten kommentarlos. Ich hatte wirklich mit mehr Widerstand und Komplikationen gerechnet.

Zwischenbilanz

Meine Erfahrungen mit den Neinsagen waren erstaunlich positiv. In meinen vorherigen Begegnungen mit Behörden und Arbeitgebern war mir nie die Länge meines Hebels bewusst gewesen. Da ist immer noch dieser Reflex, viel zu schnell Ja zu sagen, wenn ich sehe, dass jemand Unterstützung braucht, oder wenn eine mit Autorität aufgeladene Institution sich bei mir meldet.

Aktuell läuft das Projekt ziemlich ruckelfrei. Es ist sogar zeitlich weniger Aufwand als befürchtet. Ich bin mir immer noch nicht ganz einig darüber, ob ich von Anfang an auf mein Gefühl hätte hören sollen, oder ob diese Geschichte eine gute Lerngelegenheit für mich war.

Unterrichtsgrenzen

Dafür hatte ich nicht gekündigt

Ich unterrichte stundenweise in einem Nachhilfeinstitut vor Ort. Dort übernehme meistens Schüler:innen aus den Gruppen des Betreibers, sobald sie in die Oberstufe kommen. Und bisher gab es für mich damit auch keine Probleme.

Vor Kurzem änderte sich das: Im laufenden Schuljahr erinnerte mich ein neuer Schüler sehr drastisch daran, warum ich nicht mehr im Schuldienst arbeite. Er war mir gegenüber höflich, erzählte allerdings ausführlich, wie rücksichtslos er sich in der Schule verhält. Und wie lustig er das teils findet. Er hat hauptsächlich seinen eigenen Frust vor Augen und gibt ihn ungefiltert an sein schulisches Umfeld zurück.

Als Lehrerin war ich auch oft mit so einer destruktiven Negativität konfrontiert. Eine Kollegin meinte damals, ich müsse mir ein dickeres Fell zulegen. Ich bin noch heute überzeugt, dass daraus erstens nichts geworden wäre und dass es mir auch nicht gutgetan hätte, es zu versuchen. Ich will nicht härter werden, um irgendwo so reinzupassen, dass ich von außen betrachtet nicht kaputtgehe.

Mein erstes Nein

Ich teilte dem Institutsinhaber mit, dass ich diesen Schüler nicht mehr unterrichten möchte. Er selbst ist sehr kooperativ und es überraschte mich nicht, dass er sich sofort an die Planung machte, wo er den Jungen stattdessen unterbringen könnte. Kurz darauf fragte er mich, ob ich zu einem Telefonat mit dem Jungen bereit wäre.

Das Gespräch

Es war für mich sehr heilsam. Ich konnte dem Schüler so freundlich wie klar erklären, was mich belastet hatte. Er hatte in seiner Schullaufbahn bisher nie so ein Feedback bekommen und es war zu merken, wie nachdenklich ihn das alles machte. Er bat mich, noch einmal in Ruhe nachzudenken, ob er nicht doch noch wieder in meine Gruppe zurückkommen könnte.

Das war für mich eine spannende Stelle. Damals als Lehrerin im Schuldienst hatte ich nie die Gelegenheit gehabt, meine Sicht der Dinge zu erklären. Erst recht nicht in einem ruhigen Gespräch. Dieses Telefonat hatte mir richtig gutgetan. Das machte es mir noch schwerer, die Zusammenarbeit ein zweites Mal abzulehnen.

Mein zweites Nein

Letztlich bin ich bei meinem Nein geblieben. Einerseits, weil ich als Nachhilfelehrerin meine Aufgabe nicht mehr darin sehe, erziehend einzugreifen. Ich hatte große Zweifel, dass er nicht wieder in alte Muster zurückfallen würde und ich mich wieder mit emotionalem und zeitlichem Aufwand dazu würde verhalten müssen.

Andererseits war das für mich vor allem nach dem Ja zum Projekt mit der Behörde eine wichtige Lerngelegenheit. Das war der Moment, in dem ich üben konnte, es auszuhalten, Nein zu sagen und dabei zu bleiben. Es fühlt sich nach wie vor entlastend an und der Teil in mir, der zunächst so ein schlechtes Gewissen hatte, entspannt sich auch allmählich wieder. Es ist ja so, dass der Junge bei einer anderen Lehrkraft gute Unterstützung bekommt.

KI-Bild von einem Straßenschild vor einem leicht bewölkten Himmel. Auf einem roten Kreis steht in weiß auf Englisch NO, der Rand des SChildes ist auch weiß.

Was habe ich gelernt?

Vieles, was ich hier gelernt habe, ist mir nicht neu. Gleichzeitig tauchen die richtig wichtigen Lektionen im Leben immer mal wieder zur Auffrischung neu auf. Vor allem die Themen, die ich nicht so gerne und deswegen vielleicht auch nicht so tiefgründig verinnerlicht habe.

Macht

Für mich geht es beim Umgang mit meinen Grenzen auch um Macht. Wer hat Macht über mich, scheinbar oder tatsächlich? Wie viel Macht habe ich über den Prozess? Wem gebe ich Macht und warum?

Über dieses Thema denke ich nicht so oft nach, wie es offenbar sinnvoll wäre. Ein weiterer Punkt auf meiner ToWant-Liste war eine Innere Konferenz. Die habe ich mir in dieser Situation gegönnt und meine diversen inneren Persönlichkeiten hatten eine Menge zum Thema Macht zu sagen 😉

Ein paar von ihnen halten Macht für etwas sehr Negatives und vermeiden es, darüber nachzudenken. Menschen, die gerne Macht haben, sind ihnen suspekt. Andere Bestandteile meines Teams mögen dagegen sehr wohl die Fäden in der Hand halten und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich mich um ein Nein drücke. Menschen, die Macht ablehnen sind ihnen suspekt. Da ist gelingende Kooperation natürlich vorprogrammiert.

Verantwortung

Die andere Seite der Machtmedaille heißt Verantwortung. Es scheint zunächst nobel, Macht skeptisch gegenüberzustehen. Gleichzeitig übernehme ich auch Verantwortung für mich und meine Beziehung mit den anderen, indem ich meine Grenzen kenntlich mache und pflege.

Eine klare Haltung und klare Worte erfordern Energie. Und zwar mehr als die Strategie, irgendwie den anderen Personen übelzunehmen, wenn diese über meine Grenzen getrampelt sind. Woher sollten sie aber wissen, wo mein Nein ist, wenn ich das selbst nicht weiß und nicht kommuniziere?

Respekt

Mich hat diese Erkenntnis tatsächlich besonders überrascht: Wenn ich kurz und klar formuliere, wofür ich nicht zu Verfügung stehe, wird das hauptsächlich neutral wahrgenommen und nicht in Frage gestellt.

Die ganzen nervigen Filme, die ich mir in meinem Kopf zur Vorbereitung schon mehrfach angesehen hatte, fielen hinterher einfach aus. Ich hatte mich schon in zermürbenden Debatten untergehen gesehen.

Es lohnt sich, meine Grenzen zu erkennen, zu markieren und kommunizieren. Mein ehemaliger Schüler kommentierte das zweite Nein nach der Bedenkpause mit: „Alles klar!“ Kein Groll, kein Nachverhandeln, keine persönlichen Vorwürfe.

Ablehnung

Und es gibt noch ein gar nicht mal so verschattetes Thema: Es ist für mich genauso schwierig, andere Menschen (gefühlt) abzulehnen wie selbst abgelehnt zu werden. Der Schüler, den ich in meiner Gruppe nicht mehr haben wollte, hat diese Zurückweisung gelassener und weniger persönlich genommen, als ich es mir ausgemalt hatte.

Auch hier scheint es oberflächlich wieder sehr ehrenhaft, wenn ich ein Ja verkaufe als: „Ich möchte die andere Person nicht verletzen“. Ein Teil der Wahrheit ist allerdings, dass ich nicht nach meinem Nein abgelehnt werden möchte.

Das erinnert mich daran, mich noch einmal mit den „Four Agreements“ von Don Miguel Ruiz zu beschäftigen. Die zwei besonders relevanten Abmachungen sind hier:

„Do not take anything personally“

und

„Do not make assumptions“

Don Miguel Ruiz,1997

Oder in meinen eigenen Worten: „Dreh nicht schon im Voraus einen Film, der sehr wahrscheinlich gar nicht stattfinden wird. Und wenn es sich unangenehm persönlich anfühlt, Nein zu sagen, überprüf noch einmal deine Grenzen.“

Das Helfenwollen

Und dann ist da natürlich noch das Bedürfnis, die Welt zu retten. Wenn ich schon an so vielen anderen Stellen nur minimale Selbstwirksamkeit erlebe, kann ich doch nicht so einfach leichtfertig jemandem meine Unterstützung verweigern? Je größer die Notlage, umso schneller beobachte ich mich beim Zusagen.

Und doch geht die Welt nicht unter, wenn ich beschließe, dass sich jemand anders um dieses eine Problem kümmern muss. Das habe ich natürlich im Leben auch schon oft so gehandhabt. Ich weiß nicht, ob mir das in den letzten Jahren angesichts der Weltkrisen wieder entglitten ist oder ob ich nur aufgrund der ToWant-Liste diesem Thema mehr Aufmerksamkeit geschenkt habe, das kann ich gar nicht sagen.

Eine Auffrischung der Botschaft, dass meine Bestimmung nicht darin besteht, alles und alle retten zu müssen, oder gar zu können, ist auf jeden Fall immer hilfreich und willkommen.

Die Gefahr der kleinen Schritte

Ich habe es wiederholt Anderen leicht gemacht. Und zwar indem ich nicht gemerkt habe, wenn immer ein kleines bisschen zusätzlich in die Waagschale gelegt wurde und ich den Moment verpasst habe, an dem mir etwas zu viel wurde.

So konnte sich auch die erwähnte Behörde an meinen Alarmsensoren vorbeibewegen. Damit sage ich nicht, dass die beteiligten Personen das bewusst als Strategie eingesetzt hätten. Sondern, dass meine Grenzen für hintereinander geschaltete stufenweise Anfragen bisher zu durchlässig waren. Oder nicht existent.

Grenzenziehen als Prozess

Manchmal geht es nicht um eine kurze Entscheidung. Sondern um das Aushandeln von Details und Bedingungen. Einer meiner Irrtümer war, dass ich ein einmal gegebenes Ja nicht ohne Anstrengung zurücknehmen könnte. Oder dass ein Nein auch eigentlich ein vorläufiges Stoppsignal sein kann, um die Geschwindigkeit herauszunehmen.

Idealerweise kann die erste Reaktion auch sein: Gib mir Bedenkzeit und ich melde mich dann, wenn ich für mich entschieden habe. Oder auch: Ich werde mich erst dann entscheiden, wenn ich alle Informationen und ein klares Bild habe.

Die Freiheit der Selbstständigkeit

Selbstständig zu arbeiten ist für mich ein Segen. Das konnte ich noch mehr wertschätzen, nachdem ich wieder die gründliche Konfrontation mit unbeweglicher Bürokratie und endlosen Formularen genossen hatte.

Als Angestellte habe ich noch viel häufiger geglaubt, mich einfügen zu müssen. Und unter diesem Korsett gelitten. Vermutlich hätte ich auch in dieser Konstellation auch noch häufiger meine Grenzen deutlich machen können. Aber es ist in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis doch für eine Persönlichkeit wie mich um einiges schwieriger.

Dass mein Weg mich dahin geführt hat, wo ich jetzt bin, dafür bin ich aktuell noch dankbarer. Ich kann das machen, worin ich gut bin, mit den Menschen, die meine Arbeit wertschätzen.

Endgegner Behörden

Eine der wichtigsten Lektionen für mich: Ich muss nicht alles hinnehmen, was als wichtig aussehendes Schreiben in meinen Briefkasten flattert. Ich bin auch nicht immer einer Behörde gegenüber die unterlegene Bittstellerin, die sich durch Formulare und schlecht designte Onlinemasken durchkämpft.

Diese neue Haltung konnte ich im Dezember schon nutzen. Die Rentenversicherung schrieb mir, ich hätte angeblich ein wichtiges Dokument nicht eingereicht. 2022 war genau dasselbe schon einmal passiert. In beiden Fällen muss das Dokument auf dem Postweg in der Behörde untergegangen sein. Dieses Mal habe ich mich nicht mehr stressen lassen und klar mitgeteilt, dass ich erwarte, dass dieser Vorgang in Zukunft besser zu laufen hat.

Noch viel zu lernen

Viele dieser Erkenntnisse sind eigentlich selbstverständlich. Gleichzeitig gibt es Dinge, die wir auf der rationalen Eben zu wissen glauben. Sie wirklich im Moment zu realisieren und zu erleben, ist etwas anderes.

Ich bin auch längst nicht in allen Situationen die komplette Jasagerin. Es scheint zwei Betriebseinstellungen zu geben: Die Peoplepleaserin und die Person, die in diversen Lebensbereichen nicht der Norm entspricht und das auch unerschütterlich vertritt.

Es bleibt spannend. Und für das kommende Jahr habe ich ein schönes Projekt darin, mich und meine Grenzen neu kennenzulernen und klarere Entscheidungen zu treffen.

Wie siehst du das?

Ist es für dich einfach, deine Grenzen zu wahren und Nein zu sagen? War das schon immer so? Wie machst du das, dass du rechtzeitig merkst, wenn eine Abmachung außerhalb deiner Zustimmungszone gerät?


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