Astrids erste Blogparade „Mach neu!“ fragt nach Geschichten vom Neuanfang. Davon gab es in meinem Leben einige, manche eher im kleinen Rahmen, manche etwas umwälzender. Zum Beispiel habe ich mehrfach meine Haare sehr lang gehabt, nur um mir dann wieder alles mit der Maschine kurz raspeln zu lassen. Ich habe mehrfach meine Zelte abgebrochen, in England gelebt, dann beschlossen, mich doch wieder neu in Deutschland anzusiedeln. Am nachhaltigsten für mein Wohlbefinden waren aber meine beruflichen Neuausrichtungen.
Was war der Auslöser für den beruflichen Neuanfang?
Kollision mit der akademischen Realität
Einerseits gab es keine zwingenden äußeren Gründe für meine berufliche Neuausrichtung. Andererseits war es auch nicht nur eine Laune. Ich war einfach wirklich sehr unglücklich mit meiner Tätigkeit in der akademischen Forschung. Und dabei habe ich das gar nicht lange gemacht, nur zwei Jahre. Danach hatte ich schon die Nase voll.
Es kamen mehrere Dinge zusammen: Das Forschungsprojekt, das mir bei meinem Einstellungsgespräch in Aussicht gestellt worden war, wurde einem anderen Kollegen gegeben. Mich setzte der Chef auf ein von vorneherein zum Scheitern verurteiltes Projekt. Das war mir damals noch nicht so ganz klar, als ich „Naja, okay“ sagte.
Außerdem hangelte ich mich von einem Zeitvertrag zum nächsten und zu der Zeit war dieses Modell auf sechs Jahre befristet. Danach hätte die Uni Potsdam mich fest einstellen müssen. Und davon war nicht auszugehen, es können ja nicht alle Professor:innen werden. In die Wirtschaft wollte ich aber auch nicht, da wäre ich sehr wahrscheinlich noch viel unglücklicher gewesen.
Unfrei als Lehrerin
Ähnlich war es im Schuldienst. Da hat mich das Korsett aus Vorgaben genervt, mit welchen Arbeitsblättern ich meine Klasse auf welche Arbeit zu welchem Termin vorbereiten sollte. Außerdem ging für meinen Geschmack zu viel Zeit für das Disziplinieren und die Kontrolle von Hausaufgaben drauf. Zusätzlich fühlte ich mich nicht sonderlich wertgeschätzt. Ich kann es verstehen, Mathe ist nicht das beliebteste aller Fächer. Aber ich hatte es auch nicht verdient, dass so viele Menschen versuchten, täglich ihre schlechte Laune an mir auszulassen.
In beiden Positionen hat die Realität nicht zu meinen Minimalanforderungen für eine berufliche Tätigkeit gepasst. Ich war stark an Anweisungen gebunden und hatte als Lehrerin noch eine Menge Lärm, Zeitdruck und Konflikte obendrauf.
Eine Kollegin sagte mir, ich müsste mir ein dickes Fell wachsen lassen. Aber ganz ehrlich? Wieso sollten wir unsere Persönlichkeit grundlegend so zurecht hämmern, dass sie in eine Berufssituation passt, statt unsere Umstände zu verändern? Schließlich verbringen wir einen Großteil unserer Lebenszeit damit. Ich jedenfalls wollte mich nicht bis zur Rente mit dieser Unzufriedenheit weiter schleppen.
Was habe ich dabei gedacht und gefühlt?
Kurz vor der jeweiligen Entscheidung erschien alles immer aussichtslos. Ich war wie gefangen in Situationen, in denen es mir nicht gut ging. Nach jedem Neuanfang war ich erleichtert, beflügelt und hoch motiviert. Dabei habe ich mehr die großen und kleinen Nervereien gesehen, aus denen ich mich erfolgreich befreit hatte, und weniger die eventuell auf mich zukommenden Schwierigkeiten.
Und das, obwohl ich eigentlich professionelle Bedenkenträgerin bin. Allerdings hatten mich die beruflichen Situationen als Forscherin und als Lehrerin im Schuldienst dermaßen bedrückt, dass alles besser war, als zu bleiben. Es ist schon erstaunlich, wie lange wir Menschen Dinge weiter durchziehen, obwohl sie uns unglücklich machen, weil wir keinen gangbaren Ausweg sehen.
Online und offline bekomme ich immer wieder mit, wie andere Menschen den Mittwoch als Bergfest begrüßen und den Freitag feiern. Ich bin also bei weitem nicht die einzige Person, allerdings scheint die Mehrheit das Unglücklichsein als gegeben hinzunehmen.
Und das finde ich sehr traurig, denn mit einer beruflichen Tätigkeit verbringen wir so viel Zeit unseres Lebens. Nur auf das Wochenende und die Rente zu warten, das kann es doch auch nicht sein. Einige Menschen aus meinem Umfeld stecken noch im Schulbetrieb fest und zählen die Jahre.
Was hat mich unterstützt?
Finanziell
Da muss ich ganz ehrlich sein. Wäre ich Alleinverdienerin gewesen, oder hätte ich Kinder zu versorgen gehabt, hätte ich nicht zweimal meine beruflichen Zelte abgebrochen. Die Vergütung für das Referendariat wurde zu einem großen Teil davon aufgebraucht, dass ich in der Nähe der Schule eine Zweitwohnung gemietet habe. Die Alternative wäre gewesen, jeden Tag zwischen Brunsbüttel und Glinde zu pendeln, ungefähr 100 Kilometer für die einfach Strecke und einmal quer durch Hamburg.
Und meine Nachhilfetätigkeit lief zu Anfang eher schleppend an. Unter anderem, weil die Bevölkerungsdichte in Brunsbüttel und Umgebung gering ist. Erst seit mein Einzugsbereich rund um Halstenbek im Kreis Pinneberg liegt, muss ich potentielle Schüler:innen auf die Warteliste setzen, weil ich ausgebucht bin.
Spätestens an dieser Stelle erklärt sich, warum viele Menschen eben nicht aus einer bedrückenden beruflichen Situation heraus einen mehr oder weniger radikalen Neuanfang wagen. Mir ist bewusst, dass ich in einer privilegierten Lage bin und ich würde mir wünschen, dass lieber früher als später ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird, damit niemand mehr aus Existenznot ein Leben lang an einer Tätigkeit festhält, die die Seele auffrisst.
Mental
Ich hatte das große Glück, dass mein Umfeld auf meiner Seite war. Sowohl meine Familie als auch mein Mann hatten komplettes Verständnis für meinen Wunsch nach Veränderung. Meine Eltern haben nicht ein einziges Mal mit den Augen gerollt, obwohl sie mir das Studium finanziert haben, das ich heutzutage nur noch indirekt beruflich nutze. Und niemand von meinen Bekannten in Brunsbüttel hat in Frage gestellt, dass ich keine Lehrerin im Schuldienst mehr sein wollte.
Allerdings habe ich auch von meiner eigenen Persönlichkeit profitiert. Ein Teil von mir lebt für neue Ideen und blüht auf, wenn es an die Recherche für ein neues Projekt geht. Sei das nun eine Methode, um die eigenen Haare zu schneiden, oder eben eine neue Ausbildung. Oft ist mir gar nicht bewusst, wie viel Abenteuerlust in mir steckt.
Obwohl ich kurz vor den Prüfungen immer wieder geschworen habe, dass es das jetzt war und dass ich mir den Stress nie wieder antun würde.
Auch meine persönlichen und zwischenmenschlichen Ressourcen sind ein Privileg. Längst nicht alle Menschen haben so ein unterstützendes Umfeld. Und je länger wir in einer belastenden beruflichen Situation verbleiben, umso weniger mentale Kraft haben wir, um das Ruder drastisch herum zu reißen.
Ist es gut geworden? Gab es unerwartete Nebeneffekte?
Die erste Zwischenetappe als Lehrerin war scheinbar ein Irrtum. Zwar wurde ich fest angestellt, aber der kreative Freiraum war sehr gering. Auch die Coachingausbildung, die eigentlich mein Ticket in die Selbstständigkeit sein sollte, hat auf den ersten Blick keinen Fortschritt in Richtung meiner Berufung oder Zufriedenheit gebracht.
Allerdings waren alle Stationen wichtige Puzzleteile für meine jetzige Tätigkeit. Sie haben mir Einsichten und Qualifikationen mitgegeben und auf der anderen Seite deutlich gemacht, was ich nicht will. So gesehen war der Neuanfang jeweils kein Rückschritt auf Null, sondern eher ein radikaler Umbau, eine Art Recycling.
Inzwischen bin ich dort, wo ich nicht wieder weg möchte. Nachmittags junge Menschen auf dem Weg durch die Schule oder Universität zu begleiten, kann ich mir noch für viele Jahre vorstellen, ohne dass es mir langweilig wird oder mich belastet.
Trotzdem habe ich als Nebeneffekt viel gelernt. Zum Beispiel, dass ich deutlich mutiger bin als ich dachte. Wo meine Grenzen sind und wie ich sie verteidige, besonders mir selbst gegenüber. Und außerdem, dass ich nirgends festgetackert bin. Wie Peter Fox in der Inspiration zu Astrids Blogparade singt:
„Hey, wenn’s dir nicht gefällt:
Mach neu“
Ich mag zwar Wochenenden genauso gerne wie die durchschnittperson. Gleichzeitig gefällt mir mein Beruf so sehr, dass ich mich nicht vom Montagmorgen bis zu Feierabend am Freitag durchschleppe.
Ja, das Projekt Neuanfang ist unerwartet gut ausgegangen.
Würdest du es wieder machen? Genau so, oder anders?
Es gibt keine Station, die ich bereue. Im Rückblick fügen sich die Bausteine für mich nahtlos zusammen. Einerseits hätte ich wohl meinen Vertrag als Lehrerin früher kündigen können. Allerdings hätte ich dann länger in einer relativ dünn besiedelten Gegend mein Unternehmen hochziehen müssen, weil der Umzug nach Halstenbek erst 2016 in die gemeinsame Planung passte. Und wer weiß, wie ich mit dem Frust umgegangen wäre.
Genauso wäre es hilfreich gewesen, früher beim Studienkreis auszusteigen. Dort so viel Zeit zu investieren, war zwar lehrreich, allerdings keine Dauerlösung.
Und im Nachhinein stelle ich fest: Ich bin lieber dabei, wenn Menschen Mathe verstehen, als sie durch andere Lebensprobleme zu coachen. Wenn ich mit meinen Schüler:innen über das Thema Beruf spreche, empfehle ich ihnen auch immer wieder, sich danach auszurichten, was ihnen liegt. Nicht dass ihnen am Ikigai die Komponente „Was du liebst“ fehlt.
Hast du einmal neu angefangen?
Diese Blogparade läuft bis zum 31. März 2026. Vielleicht hast du dich ja auch einmal auf die eine oder andere Weise neu erfunden oder die Bausteine deines Lebens neu zusammengesetzt.
Hast du aus deiner Erfahrung heraus Empfehlungen? Gab es Hürden, die dir einen Neuanfang erschwert oder unmöglich gemacht haben?
Oder planst du noch, dein Leben demnächst umzukrempeln? Wenn ja, was unterstützt dich dabei? Mich fasziniert es, solche verschlungenen Lebensgeschichten zu hören und lesen.
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