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mathe abschaffen: viele mathematische Zeichen auf einem punktierten Blockzettel, darum die Fragen: Wie viel Miete muss Frau CArstensen bezahlen und warum geht der Fernseher nicht?

Sollten wir Mathe abschaffen?

Wofür brauchen wir Mathe überhaupt? – Die anti-Antwort

Mathe abschaffen, das klingt ja schon sehr drastisch, oder? Es gibt Menschen, die schreiben Lieder über die Vorteile und Nachteile des Daseins als Zombie. Bei mir geht es etwas harmloser zu. Obwohl, vielleicht ist das eine Frage der Perspektive, denn das Fach Mathematik löst bei vielen ziemlich starke Emotionen aus. Dies hier ist der Beitrag contra Mathe, der pro-Post ist hier.

Wofür müssen wir das alles lernen?

Eine wiederkehrende Frage in meinem Unterricht ist: „Und wozu brauchen wir das?“ Wohlgemerkt, nur in Mathematik, die Sinnhaftigkeit von Naturwissenschaften oder Englisch wird praktisch nicht angezweifelt. Meine ehrliche Antwort: „Für dein Leben und deinen Alltag praktisch gar nicht, sondern für die Klausur, für deine Note oder deinen Abschluss.“ Wenn meine Schüler:innen dann erleichtert realisieren, dass ich ihnen nichts verkaufen will, füge ich noch hinterher: „Außerdem ist es Training für dein Gehirn, deine persönliche Frustrationstoleranz und ein gesundes Allgemeinwissen.“ Manchmal bekommen sie eine abgespeckte Version meines allgemeinen Lobliedes auf die Mathematik dazu serviert.

Ich selbst habe als Schülerin praktisch jedes Fach gemocht, bis auf Sport. Und selbst der hat mir abschnittsweise gefallen. Als ich später selbst im Schulbetrieb als Mathelehrerin tätig war, hing mein Erleben mittig zwischen dem, was ich im Seminar an Methoden und Konzepten zum freien und selbstmotivierten Lernen lernte, und dem Schulalltag mit seinem Zeitmangel, den ganzen Nebenschauplätzen und den allseits beliebten Vorgaben aus dem Ministerium.

Ein Professor ruft zur Abschaffung auf?

Als ich 2021 zum ersten Mal eine Episode des Podcasts Detektor.fm hörte, in der der Mathematikprofessor Edmund Weitz die Abschaffung der Schulmathematik fordert, fühlte ich mich mit meinen Erfahrungen als Lehrerin sehr abgeholt. Worum geht es ihm? Bei genauerem Hinhören nicht darum, überhaupt keine Rechenfertigkeiten mehr zu vermitteln. Sondern um eine realistische Neuausrichtung unserer Sicht darauf, was Mathematik an sich ist, was davon in der Schule gelehrt wird und was wir Menschen davon brauchen, um gut informierte, selbstwirksame und insgesamt runde Persönlichkeiten zu sein.

Der große Bluff

Ein sehr großes Problem ist die Erzählung, wir bräuchten alle diese schönen Rechenmethoden später im Leben. Dass das nicht stimmt, fällt wirklich allen auf und es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Im Alltag brauchen wir hauptsächlich den Dreisatz, ein gewisses Grundverständnis für Exponentialentwicklungen (Zinsen und Infektionsgeschehen) und ein paar Dinge aus der Geometrie, wenn wir mal ein Möbelstück durch die Tür bekommen oder eine Wand tapezieren wollen. Nicht umsonst gibt es Witze der Sorte:

„Da lernen wir den Satz des Pythagoras und fragen uns trotzdem immer noch, welche der vier Backofenschienen die mittlere ist!“

Genauso wenig umsonst sind die Textaufgabengeschichten gerade für den Pythagoras in ihrer Vielfalt sehr begrenzt. Wo überall eine Leiter angelehnt werden soll, ist schon echt lustig.

Von modernen Technologien überholt

Ich gehöre noch zu der Generation, der erklärt wurde, wir müssten im Kopfrechnen fit sein, weil wir ja nicht immer einen Taschenrechner dabei haben würden. In Wirklichkeit kann ich mit meinem Smartphone meine Geogebra-App aufrufen und mir die gesuchten Geraden im dreidimensionalen Raum angucken und hin und her drehen. Oder die zu untersuchende Funktion inklusive der Ableitungen, Nullstellen und Extrempunkte anzeigen. Es gibt Onlinerechner für alle möglichen Fragestellungen, zum Beispiel zum Lösen von Gleichungssystemen. Wie gut diese Hilfsmittel für die kognitive Entwicklung der Menschheit sind, sei mal dahingestellt. (Dazu gibt es natürlich auch Forschung und Diskussionen.) Die ursprüngliche Behauptung der Taschenrechnerknappheit stimmt jedoch schon lange nicht mehr.

Oder wie Herr Weitz es formuliert:

„Kurvendiskussion, die wichtigste Sache der Welt! Haha. Stimmt doch gar nicht!“

Anschlussausbildungen mit Mathebedarf

Womit ich Schüler:innen noch schocken kann, ist die Tatsache, dass gerade soziale Studienrichtungen wie Psychologie ausgerechnet Stochastikscheine erfordern. Bei anderen Fächern rechnen sie eher mit einem Matheanteil. Selbst in diesen Fällen ist es aber so, dass im Berufsleben den größten Teil der Last Tabellenwerke und Computer übernehmen. Dafür haben wir diese Werkzeuge ja, damit wir unsere Zeit und Energie für kreativere Tätigkeiten verwenden können. In meiner Zeit als Forscherin habe ich jedenfalls nie auch nur eine einzige Taylorreihe für irgendetwas entwickeln müssen.

Wie kam es zu der Misere?

Mathematik ist sehr vielfältig, nur ein kleiner Teil dieses Faches besteht aus „Formeln und Zahlen“ und ist sehr eindeutig. Dadurch eignet sich dieser Bereich sehr verführerisch zum Testen von Routinen, wird daher schwerpunktmäßig an Schulen unterrichtet und letztlich in seiner scheinbaren Bedeutung übersteigert.

Im Vergleich sind Mathearbeiten deutlich zügiger zu korrigieren als beispielsweise Englischarbeiten. Was durch das sehr enge Raster der Fragen und richtigen Antworten gelernt wird, ist hauptsächlich Disziplin, Auswendiglernen und Reproduktion von Rechenwegen. Es wird nicht Selbstwirksamkeit, Kreativität oder ein Verständnis für Problemlösungen vermittelt.

In einem Vergleich mit dem Fach Musik erklärt Herr Weitz im Interview, dort müsste entsprechend behauptet werden, Noten akkurat auf Notenpapier zu schreiben sei ds grundsätzliche Wesen der Musik. Genau so empfinde ich es auch, wenn ich sehe, wie meine Schüler:innen mit ihren Aufgaben umgehen, für sie ist es überhaupt nicht Bestandteil, was für eine Geschichte hinter einer Aufgabe steht, sondern „Stimmt dieses Ergebnis?“ Wie ein Vogel, der Pflastersteine zählt, statt sie als Startbahn zu nutzen und zu fliegen.

Was sollte sich idealerweise ändern?

Die Vorschläge aus dem Interview gehen zunächst einmal in die Richtung, dass Mathematik „ein Fach wie jedes andere auch“ wird, also nicht in der Oberstufe verpflichtend durchgezogen werden muss. Diejenigen, die sich dann dafür entscheiden, könnten eine ganz andere Art von Unterricht erhalten. Sie könnten Mathematik als die Geisteswissenschaft kennenlernen, die sie in Wirklichkeit ist, und viel stärker interessengeleitet lernen. Dieser Teil der Schüler:innen würde dann das Wissen und die Kompetenzen für die Zukunft weiter tragen, die anderen wären nicht mehr dem Mathezwang ausgesetzt.

Außerhalb des Bildungssystems könnte Mathematik noch mehr popularisiert werden, zum Beispiel durch das Internet. Es gibt alleine auf YouTube sehr unterhaltsame Kanäle, die teils in kleinen Häppchen spannende Facetten der Mathematik präsentieren. Es ist nie zu spät, sich zu interessieren und einen neuen Zugang zu einer Sache zu bekommen, die vielleicht während der Schulzeit eher abschreckend war.

Aus meiner Sicht geht es aber nicht nur um eine Neuorganisation der Lehre. Ich selbst würde noch eher anfangen. Es ist eine Frage der generellen Haltung und der Kommunikation: Wenn wir aus diesem Hamsterrad der Zwangsmathematik heraus wollen, die sowohl Schüler:innen als auch Lehrkräfte unnötig belastet, sollten wir das Curriculum neu abklopfen und und fragen, warum und wozu wir Mathematik vermitteln. Und das auch an die neuen Gegebenheiten des Internetzeitalters anpassen. Wollen wir zukunftsbereite Persönlichkeiten ausbilden? Oder wollen wir akkurat vorhersagbare Lernroboter? Um den Unterschied in der Haltung mal plakativ zu formulieren.

Die äußeren Umstände

Diese Perspektive auf die Mathematik müssen wir auch Schüler:innen gegenüber deutlich, von Anfang an und immer wieder kommunizieren. Und das erfordert eine andere Art von Aufgaben zusätzlich zum notwendigen Routinetraining. Natürlich gibt es diese Ansätze schon und solche Arbeit wird auch gemacht. Letztlich habe ich persönlich allerdings die Erfahrung gemacht, dass diese Art von ermächtigendem Lernen durch den Schulalltag mit seinem pathologischen Zeitmangel und den starren Vorgaben ausgebremst und aufgerieben wird. So eine Neuausrichtung „nebenher“ zu stemmen, ist schon eine Herausforderung.

Am Ende sind wir also bei der aktuell diskutierten Frage: Wie können wir gut unterrichten unter den Defiziten, die sich im Bildungssystem hauptsächlich durch finanzielles Kurzhalten über Jahrzehnte eingeschliffen haben. Das ist Thema für einen anderen Blogpost. Gleichzeitig ist es schon jetzt wichtig und auch langfristig lohnend, unsere Haltung, Kommunikation und die Strukturen des Unterrichtens auf ihre Tragfähigkeit und Sinnhaftigkeit zu überprüfen. An irgendeiner Stellschraube müssen wir mal anfangen.

Ich selbst lege in meinen Nachhilfestunden Wert darauf, meine Schüler:innen nicht nur (aber auch) auf die üblichen Abfragen in der nächsten Arbeit vorzubereiten, sondern ihnen parallel dazu möglichst viel von dem zu erzählen, wovon dieser Blogpost handelt. Das sind meine kleinen Steine, die ich immer wieder in das Wasser werfe. In der Hoffnung, dass sie Kreise ziehen.

Was meinst du?

Wie war es in der Mathematik für dich? Warst Du froh, als du nach deinem Schulabschluss nichts mehr damit zu tun haben musstest? Oder wurde sie dir in deiner Berufsausbildung dann noch weiterhin aufgedrückt? Hätte dir eine andere Haltung, weniger Überhöhung und mehr Transparenz geholfen, Mathematik anders wertschätzen und damit auch effektiver lernen zu können?


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