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Grafik, die den spätesten Sonnenaufgang und den frühesten Sonnenuntergang des Jahres verdeutlicht

Wann ist der späteste Sonnenaufgang?

Wie gehen wir mit neuen Informationen um?

Vor kurzem sah ich eine grafische Darstellung der Sonnenaufgangs- und Untergangszeiten für Dezember und den den frühen Januar in Brighton. Weil darauf so klar zu sehen war, dass die Sonne noch nach dem 21. Dezember für eine Weile jeden Tag später aufgeht, habe ich mir die Daten für Hamburg herausgesucht und eine eigene Grafik damit erstellt. Auch hier war der früheste Sonnenuntergang 2021 am 13. Dezember und der späteste Sonnenaufgang heute am 29. Dezember. War dir diese Tatsache bewusst? Einige Menschen, mit denen ich darüber sprach, unter anderem, weil ich sie die Minima und Maxima und den minimalen vertikalen Abstand der zwei Funktionen ausrechnen ließ, waren etwas überrascht. Den meisten von uns ist klar, dass am 21. oder 22. in nördlichen Breiten die Wintersonnenwende (siehe meinen Blogartikel hier) und damit die längste Nacht stattfindet. Dann scheint es doch plausibel, dass am gleichen Tag auch die Sonne besonders spät erscheint und besonders früh wieder hinter dem Horizont verschwindet.

Die Sonne und die Erde halten sich nicht immer an unsere Vorstellungen

Die Gründe dafür, dass es nicht so ist? Die geometrische Anordnung von Sonne, Erde, Rotationsachse der Erde, die Form der Erdumlaufbahn und ihre nicht gleichmäßige Bahngeschwindigkeit. Ein weiterer Faktor ist unsere persönliche Position im Verhältnis zum Äquator. Die Anzeigen unserer mechanischen Uhren basieren auf der Annahme, dass jeder Tag, also die Zeitdauer zwischen zwei scheinbaren Höchstständen der Sonne, genau 24 Stunden dauert. Sonnenuhren messen dagegen, dass die Tageslänge über das Jahr unterschiedlich ist, und zwar um ungefähr plus und minus 15 Minuten. Eine weitere Folge dieser astronomischen Geometrie ist das soganennte Analemma: Nehmen wir jeden Tag zur selben Ortszeit ein Bild von der Sonne auf, ergibt sich in der Überlagerung eine mehr oder weniger schräg liegende Acht, je nach Breitengrad. Wäre die Erdbahn kreisrund und wäre die Drehachse der Erde nicht gekippt, stünde die Sonne zu gleichen Uhrzeiten immer an der gleichen Stelle am Himmel. Je länger ich darüber nachdenke, umso kniffeliger wird das Bild in meinem Kopf. Aber auch umso spannender. Vielleicht geht es Dir ja auch so, oder vielleicht ist Dir das alles gar nicht neu.

Was ist unser Verhältnis zu Fakten?

Wenn wir lange Zeit geglaubt hatten, etwas verstanden zu haben, bis von irgendwo neues Wissen herbei flattert, kann das interessante Effekte im Bewusstsein auslösen. Ich zitiere dazu noch einmal Ragunath Cappo und seine frühere Band „Shelter“:

Things we knew for sure

Sometimes we need to correct them

We’ve got to rearrange our thinking

Or we’re just like flies on glass

Rearrange our thinking

Or we’re never gonna last

Shelter, „Revealed in Reflection“

Es bringt uns eigentlich nicht voran, mit Dingen weiterzuarbeiten, die wir als wahr angenommen hatten, die sich aber als nicht zutreffend herausstellen. Und trotzdem drehen sich viele Debatten gerade mit viel Energie und teils hohem emotionalem Einsatz um angenommene und tatsächliche Wahrheiten. Dinge, die eigentlich nicht korrekt sind, prägen sich unter anderem durch häufige Wiederholung ein. Aktuell zeigen die Nachrichten, wie sich die Bezeichnung „Omnikron“ in einigen Köpfen festgefressen hat.

Zunächst lohnen sich ein paar Fragen: Geht es um eine Tatsache, die sich mit relativ einfachen Mitteln messen lässt, wie zum Beispiel astronomische Abläufe? Sind es eher komplexe aber auf Naturvorgängen basierende Zusammenhänge wie Klima-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften? Handelt es sich um die Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen? Oder vielleicht um menschliche Konventionen wie die korrekte Schreibung eines Wortes, die per Rechtschreibreform veränderbar ist? Geht es bei meiner Wahrheit um eine Meinung, eine Vermutung oder um eine Faktenbehauptung? Ergeben sich aus meiner Wahrheit oder der anderer negative Konsequenzen? Sind diese erheblich oder eher vernachlässigbar? Oder ist der (scheinbare) Widerspruch im Grunde folgenlos? Wie zuverlässig ist die Quelle, aus der meine Informationen stammen? Und woher weiß ich, woran ich eine zuverlässige Quelle erkenne? Wenn ich das alles für mich geklärt habe, nimmt es eine Menge Streitpotential aus dem Diskurs. Ideal wäre natürlich, wenn möglichst viele von uns sich auf diese Weise abklopfen könnten.

Wie reagieren wir, wenn unsere Wahrheit an Grenzen stößt?

Die Geschichte der Menschheit liefert hier eine Menge Beispiele für mögliche Anpassungsreaktionen. Ein sehr menschlicher Umgang mit Wahrheiten, die im Konflikt zu sein scheinen, ist der sogenannte Bestätigungsfehler, oft auch Confirmation Bias genannt. Informationen, die unser Weltbild bestätigen, nehmen wir stärker wahr und halten sie auch eher für wahr. Dieses von außen betrachtet irrationale Verhalten war für uns in der Geschichte der Menschheit evolutionär hilfreich: Mit dem eigenen Stamm einer Meinung zu sein, bewahrte frühe Menschen davor, ausgestoßen zu werden und das nicht zu überleben. Außerdem ist es für unser Gehirn gefühlt sicherer und damit ökonomischer, ein Weltbild aufrechtzuerhalten, statt es bei jeder neuen Nachricht umzustoßen. Die auf den ersten Blick fehlende Rationalität hat also einen Sinn. Auf der anderen Seite entsteht so zum Teil ein gewisser Anteil an „Wissen“ der nicht der Realität entspricht.

Am anderen Ende des Spannungsfeldes liegt die menschliche Errungenschaft der wissenschaftlichen Methode. Dabei werden zunächst Fragen und dazu passende Hypothesen aufgestellt. Letztere überprüfen wir dann in möglichst gut geeigneten Experimenten. Dabei verwerfen wir dann im Idealfall nicht bestätigte Hypothesen, unabhängig von unserem eigenen Weltbild. Dass wir Menschen bei aller oft zu beobachtenden Irrationalität dieses Vorgehen entwickelt haben, finde ich bemerkenswert.

Gerade erleben wir, wie unterschiedlich verschiedene Menschen diesen Zyklus von Vermuten, Bestätigen und Verwerfen erleben und bewerten. Besonders, wenn die Kommunikation der Medien, der Politik und der wissenschaftlich arbeitenden Menschen kein einheitliches Bild präsentiert, diplomatisch ausgedrückt. Das Spektrum der möglichen Reaktionen reicht von „Ist das nicht beruhigend, wie zuverlässig und wie schnell der objektive Prozess in der Forschung läuft?“ bis zu „Wieso widersprechen die sich denn jetzt schon wieder? Wie soll ich denen glauben?“

Was machen wir aus diesen Erkenntnissen?

Der sinnvollste Umgang mit dem Konzept des Confirmation Bias ist es, uns immer wieder klar zu machen, dass auch wir selbst ihm dann und wann aufsitzen und dass wir dafür gute Gründe haben. Am Ende läuft dieses Thema auf unser Bedürfnis nach Sicherheit heraus. Einfache, absolute Antworten auf komplexe Fragen sind tendenziell beliebter, genauso wie ein Beibehalten der einmal verkündeten Botschaft. Vorsichtige und unscharfe Formulierungen wirken auf viele Menschen wie Zeichen von Unsicherheit, genauso wie eine Neubewertung.

Gerade in Krisenzeiten wie der aktuellen bedeutet das für Wissenschaft, Medien und Politik, einen Spagat zu finden zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit, Vermittelbarkeit, Vereinfachung und Handlungsfähigkeit. Unsere Verantwortung als Teil der Bevölkerung ist es, uns dieser Zusammenhänge im Rahmen unserer Möglichkeiten bewusst zu sein, Verständnis mit den Bestätigungsfehlern aller Beteiligten zu haben, gleichzeitig aber unseren Beitrag zur möglichst großen Nähe unserer Wahrheit zur Realität zu leisten. Und freundlich aber solide anderen Menschen in unserem Umfeld Gelegenheiten zu bieten, ihr Denken neu zu arrangieren.

Was meinst du?

Wie geht es dir, wenn du mit Informationen konfrontiert wirst, die nicht zu deinen bisherigen Annahmen passen? Wie leicht fällt es dir, Dein Weltbild anzupassen? Wovon hängt es ab, ob dieses Aktualisieren für dich sogar eine erfreuliche Erfahrung sein kann? Und wann ist eigentlich der früheste Sonnenaufgang des Jahres?


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