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Müllsammeln: Photo von einer Wiese, im Hintergrund unbelaubte Bäume. Die Sonne scheint

Meditatives Müllsammeln

Zuversicht an der frischen Luft lernen

Was hat Müllsammeln mit Meditation zu tun? Ich liebe meine Walkingstrecke (inzwischen auch Joggingstrecke). Und weil ich mich da quasi jeden Tag entlang bewege, fallen mir jede Menge größere und kleinere Schnipsel auf. Seit Silvester liegt als Krönung noch der Rest des Feuerwerks daneben. Jetzt hätte ich zwei Optionen: Mich drüber zu ärgern oder daran vorbei zu sehen und dem Müll gegenüber abzustumpfen.

Letzteres wäre allerdings auch nur oberflächlich möglich, unterbewusst würde es mich natürlich weiter wurmen. Ersteres bringt mir nichts als dauerhafte schlechte Laune. Beides ändert an der Schnipselsituation nichts. Allerdings übersieht dieses Konzept, dass es (wie so oft) mehr als nur zwei Handlungsalternativen gibt.

Aktion saubere Walkingstrecke

Ich habe mir entsprechend seit ein paar Wochen auf die Fahne geschrieben, bei meinen Walkingrunden jeweils für 30 Minuten einen weiteren Abschnitt der Strecke sauber zu sammeln, bis ich die ca. viereinhalb Kilometer einmal ganz aufgeräumt habe. Der Illusion, dass damit das Problem für immer beseitigt sein könnte, gebe ich mich natürlich nicht hin. Zwei Abschnitte musste ich ein zweites Mal abgrasen, obwohl ich insgesamt erst bei ca. zwei Kilometern bin, weil es dort schon wieder so unansehnlich war.

Und währenddessen fluche ich schon mal vor mich hin und frage mich, was Menschen wohl glauben, was mit Hundehaufenbeuteln aus Plastik passiert, die sie in die Hecken schnippen. An denen sie jeden Tag vorbeigehen, so dass die Beutel weiter in freier Wildbahn beobachten können. Oder was andere Leute motiviert, schwermetallhaltige Zigarettenkippen in die Gegend zu werfen. Also an der meditativen Haltung arbeite ich noch etwas.

Die Reaktionen meiner Mitmenschen

Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Vorbeigehenden durch mein Müllsammeln nachhaltig inspiriert werden mitzumachen, oder dass meine Mitmenschen entscheidend weniger Müll in der Natur verteilen, oder gar, dass sich außerhalb meiner Sammelrunde das Müllaufkommen plötzlich magisch genauso reduziert.

Auch wenn die Tatsache, dass es für mein neues Hobby einen eigenen Begriff gibt (Plalking), darauf hindeutet, dass ich damit nicht alleine bin. Sollte es einmal in meinem Umfeld größere Müllhaufen geben, die ich mit meiner Tüte nicht bewältigen kann, gibt es auch noch die Möglichkeit, die Behörden im Kreis mit der Abholung zu beauftragen.

Was bringt mir das Müllsammeln?

Was das Ganze eindeutig bringt: Ich sehe Schnipsel viel entspannter. „Dich sammel ich dann demnächst ein“ statt „Liegt da schon wieder was???“

Ich habe bewusst Verantwortung übernommen für meine Walkingstrecke und für meine Laune, zwischen Wut und Resignation liegt Zuversicht. Ich muss nicht hinnehmen, dass in meinem Umfeld teils giftiger, teils einfach nur unschöner Müll herum liegt. Ich muss nicht darauf hoffen, dass andere ihr Verhalten ändern.

Wenn ich erkenne, dass ich mit relativ wenig Aufwand etwas für mein Wohlbefinden tun, und dabei dann auch noch entspannter mit Ärgernissen umgehe, dann habe ich auf jeden Fall dazugewonnen.

Wie hilft mir das in anderen Lebensbereichen?

Nicht überraschend lässt sich das auch auf andere Ebenen übertragen. Zu hoffen, dass ich nur noch von Menschen umgeben sein werde, die nicht Dinge tun, deren Konsequenzen sich in meiner Wahrnehmung als Müllschnipsel ablagern, ist unrealistisch. Mich komplett abzuschotten und einzuigeln, ist auch keine attraktive Option, jedenfalls nicht für mich.

Natürlich muss ich nicht bleiben, wo es wirklich toxisch für mich ist. Natürlich ist es sinnvoll, bei größeren Problemen Hilfe zu holen. Und doch ist die Erkenntnis ermutigend, dass ich nicht an der Tatsache verzweifeln muss, dass ich andere Menschen nicht ändern kann. Denn in meinem Rahmen kann ich meinen Umgang mit den Schnipseln ändern.

Und ich kann mich für mich verantwortlich fühlen und einen wirksamen Teil davon selbst beseitigen. Nur sollte ich nicht glauben, dieses innere Aufräumen sei eine einmalige Aktion fürs Leben. Dann wäre ich quasi wieder am Anfang der Lektion.

Wie sieht es bei dir aus?

Welche Dinge in deinem Leben erlebst du als Zumutung von außen, die dich wahlweise wütend macht oder resignieren lässt? Welche Art des inneren Aufräumens kannst du dir alternativ für dein Leben vorstellen? Bei welchen größeren Ansammlungen möchtest du dir eigentlich von wem helfen lassen? Wie würde dein Leben aussehen, wenn du nicht mehr hoffen musst, andere Menschen könnten sich endlich ändern, sondern eigenverantwortlich mentale Schnipsel in einem für dich machbaren Rahmen selbst beseitigst? Wie viel besser müsste es dir durch ein wirkliches oder ein metaphorisches Müllsammeln gehen, damit du bereit bist, dich für absehbare Zukunft darauf einzulassen?


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