Mein Feminismus ist intersektional – Was heißt das?

Photo von einer Faust vor einem blauen Hintergrund

Und wieder ist der Tag, an dem Glitzer-GIFs und fertige Blumensträuße verschenkt werden. An dem Männer glauben, es reicht, den „lieben Frauen“ ein paar Komplimente zu machen, wie sozial sie doch sind. Dabei geht es (nicht nur) heute immer noch und immer wieder um grundlegende Systemkritik. Statt Blümchen ist heute die passende Gelegenheit darüber zu scheiben, was Feminismus für mich bedeutet.

Schon als Jugendliche in den späten Achtzigern habe ich Bücher über feministische Linguistik gelesen. Mich haben schon damals Ungleichbehandlungen aufgeregt. Und mit den Jahren bin ich nicht gelassener geworden, was unter anderem daran liegt, dass die Veränderungen sehr langsam und zäh verlaufen und regelmäßig reaktionäre Gegenwellen stattfinden.

Warum wir den Feminismus immer noch brauchen

Das Gemisch aus Kapitalismus und Patriarchat braucht systemische Ungleichheit. Wenn ich vorhätte, umfassend alle Schieflagen aufzulisten, würde ich heute garantiert nicht fertig mit diesem Blogartikel. Daher hier nur ein paar Beispiele:

Noch immer bringen regelmäßig Männer Frauen um, wenn diese eine Beziehung beenden. Fälle wie von Gisèle Pelicot zeigen uns den Abgrund, den wir nur bemerken, wenn Täter umständehalber auffliegen. Jede Frau in meinem Umfeld hat eine Geschichte von Übergriffen zu erzählen. Andrew Windsor droht Gefängnis, aber nicht für Missbrauch, sondern für Ausplaudern von Staatgeheimnissen. Dass wir das hinnehmen, ohne jeden Tag wütend zu protestieren, gibt mir zu denken.

Dabei gibt es auch Schieflagen ohne körperliche Gewalt. Heute las ich zum erstem Mal vom Thomas-Kreislauf. 2017 zeigte eine Studie der Allbright-Stiftung, dass in Unternehmen, die an der Frankfurter Börse notiert waren, mehr Männer namens Thomas oder Michael im Vorstand waren als Frauen. Die Studien in den Folgejahren bis heute lesen sich nicht bedeutend vielversprechender.

In meinen Jahren im Schuldienst war mir sehr klar, dass ich im Vergleich mit männlichen Kollegen immer härter dafür kämpfen musste, dass die Kinder und Jugendlichen mich ernst nahmen. Immerhin bin ich für eine Frau relativ groß. Meine kürzeren Kolleginnen mit helleren Stimmen hatten es noch schwerer. Und da sind wir schon mitten in der Intersektionalität.

Andere Arten der Diskriminierung

Der Begriff „intersektional“ geht zurück auf die Juristin Kimberlé Crenshaw. Er steht für Überschneidungen verschiedener Diskriminierungsformen. Neben den bekannteren Varianten Sexismus und Rassismus gibt es viele weitere Annahmen, eine spezielle Gruppe sei mehr wert als andere. Hier einige Beispiele:

  • Ableismus: Menschen ohne körperliche oder geistige Behinderungen wird mehr Aufmerksamkeit und Teilhabe zugestanden.
  • Klassismus: Menschen aus gebildeteren und wohlhabenderen Schichten werden als wertvoller gesehen.
  • Ageismus: Menschen die als zu jung oder zu alt eingestuft werden, erhalten weniger Mitspracherecht.
  • Queerfeindlichkeit: Damit fasse ich Diskriminierungen zusammen, die von der cis-heterosexuellen Mehrheit abweichende Menschen erfahen.
  • Speziesismus: Eine Sonderform, die Menschen allen anderen Tierarten gegenüber mehr Wert und Sonderrechte verleiht. Die dahinter liegende Ideologie wird auch als Karnismus bezeichnet.

In allen Fällen gibt es eine Gruppe, die systemisch privilegiert lebt. Oft sind sich diese Menschen ihrer Vorteile gar nicht bewusst. Intersektional gesehen kommt es beispielsweise vor, dass ein cis Mann rassistisch und ableistisch diskriminiert wird, im Punkt Sexismus aber Frauen gegenüber privilegiert ist.

Eine weiße, heterosexualle cis Frau erfährt dagegen zum Beispiel keine Queerfeindlichkeit. Der feministische Kampftag richtet sich nicht gegen andere von Diskriminierung Betroffene. Sondern gegen das System an sich, das unter anderem auf allen diesen Ismen aufbaut.

In der Bio meines Mastodonprofils steht nicht ohne Grund „Grundgesetzultra“. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und das gilt für alle von uns gleichermaßen.

Solidarität hilft uns allen

Wenn wohlhabende weiße Frauen nicht sehen, welchen zusätzlichen Ungerechtigkeiten andere Menschen ausgesetzt sind, gewinnt niemand durch einen Demonstrationstag dazu. Es bringt uns nicht grundlegend voran, wenn wir uns untereinander um Krümel streiten, während die wenigen mehrfach Privilegierten noch von dieser gesellschaftlichen Polarisierung profitieren.

Was ich damit meine, liest du in diesen Beiträgen:

Gendersprache? Meine Meinung dazu!

Bürgergeld, Stadtbild, Brandmauer – Was können wir tun?

Vegane Würstchen – Wo ist das Problem?

42 ist die Antwort – Von Memes und Desinformation

Woke – Bin ich das?

Das Thema Scheindebatten beschäftigt mich schon lange. Immer wieder tauchen sie in verschiedenen Zusammenhängen auf und dann blogge ich dazu. Weil es so existenziell wichtig ist, dass wir uns nicht aufspalten lassen und dadurch unsere Zeit, Aufmerksamkeit und Energie im Streit mit anderen von Diskriminierung Betroffenen verschwenden.

Wie Maya Angelou es so richtig sagte:

“The truth is, no one of us can be free until everybody is free.”

Maya Angelou

Erst wenn wir uns gegenseitig wahrnehmen und solidarisch unterstützen, werden wir effektiv an all den Baustellen ansetzen können. Und wir werden keine Energie mehr nutzlos verpulvern, sondern feststellen, dass der Kampf gemeinsam leichter und nachhaltiger wird.

Was können wir tun?

Demonstrieren gehen

Am 9. März finden an vielen Orten in Deutschland Aktionen zum Frauenkampftag statt. Alles gute Gelegenheiten, um unsere Feminismusmuskeln wieder zu trainieren. Und andere Frauen, Gruppen oder ganz allgemein Menschen kennen zu lernen, die genau wie wir von einer gerechteren Welt für alle träumen.

Allerdings haben nicht alle von uns haben die Möglichkeit, auf die Straße zu gehen. Auch das ist eine Frage der Privilegien und der Solidarität. Vielleicht können sie stattdessen Politiker:innen anschreiben, um so ihren Protest auszudrücken.

Uns informieren

Weißt du, was der Ausdruck Flinta* bedeutet? Wann hast du zum letzten Mal ein Buch oder ein Interview zum Thema Feminismus gelesen? Bist du dir deiner Privilegien bewusst? Wie viel weißt du über systematischen Rassismus in Deutschland? Wie viel über historische und aktuelle Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen?

Heutzutage steht uns zum Glück eine Fülle an Informationen zur Verfügung, nutzen wir sie!

Streiken

Auch wer nicht angestellt arbeitet, kann sich trotzdem dem System entziehen. Nein sagen, nicht ans Telephon gehen, nicht zur Verfügung stehen, die Social Media Präsenz für deutliche Botschaften nutzen. Weitere Ideen für den 9. März 2026 und natürlich folgende Frauenkampftage findest du in Frau Noras Podcast.

Andere solidarische Stimmen verstärken

Gemeinsamkeit erzeugen wir, indem wir uns gegenseitig mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Nicht nur heute lohnt es sich, Botschaften für eine gerechtere Welt zu teilen, wo auch immer du sie liest, und wo immer du online oder in deinem Umfeld dazu Gelegenheit hast.

Jeden Morgen lese ich zum Beispiel Blogartikel aus meinem RSS-Feedreader und dem Bloghexenforum. Heute fielen mir dabei drei auf, die sich auf den heutigen Kampftag beziehen:

Pia schreibt einen liebevollen, weisen und bestärkenden Brief an ihre Töchter:

„Was ich dir wünsche, ist die Unruhe der Denkenden. Den Mut zu fragen: Stimmt das? Wem nützt das? Was verliere ich, wenn ich jetzt schweige? Und dann nicht zu schweigen, auch wenn es unbequem wird. Auch wenn man dich dafür (eine Weile) nicht mag.“

Pia Hübinger

Lorenzo schreibt darüber, dass wir noch viel zu tun haben:

„Ich finde es eigentlich schlimm genug, dass wir überhaupt einen Frauentag oder einen Tag der Menschen mit Behinderungen brauchen. Warum sind Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Inklusion heute immer noch nicht ganz normal?“

Lorenzo

Und Katja Diehl stellt klar, dass heute kein „Frauentag“ ist, der bitte nicht nerven soll:

„Ich wünsche mir einen Feminismus, der nicht aufhört, wenn er die eigenen Privilegien erreicht hat. Der nicht sagt: „Wir haben das Sternchen, das reicht.“ Der nicht weißen Frauen das Podium gibt und alle anderen in die zweite Reihe schickt.“

Katja Diehl

Wie hältst du es mit dem intersektionalen Feminismus?

Bedeutet dir der 8. März etwas? Hast du vor, morgen demonstrieren zu gehen?

Wie siehst du die Begriffe Privilegien und Intersektionalität?

Und von was für einer Welt träumst du?


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Kurzzeitig Forscherin in der Chemie, danach Lehrerin an Schulen in Schleswig-Holstein, jetzt als Nachhilfelehrerin selbstständig. Nach einer Rundreise durch die Stationen Ostwestfalen, Niedersachen, England, Potsdam und Dithmarschen bin ich wieder zurück im Kreis Pinneberg, wo alles begann.

Interessiert an meinen Mitmenschen und dem Wohl des Planeten, Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und allgemein am Lernen an sich. Noch mehr über mich erfährst du auf meiner NowPage und meiner Über-Mich-Seite.


Kommentare

8 Kommentare zu „Mein Feminismus ist intersektional – Was heißt das?“

  1. Toll geschrieben, Angela! 👍️

    Und danke für die Verlinkung. 🙏

    1. Danke, du hast ja auch so treffende Worte gefunden!

  2. > Das Gemisch aus Kapitalismus und Patriarchat braucht systemische Ungleichheit.

    „Patriarchat“ ist die Universalausrede, wenn frau etwas nicht selber hinbekommt. „Patriarchale Gewalt“ ist etwas, dass Linke und Feministinnen aus islamischen Ländern nach Deutschland importieren.

    1. Das Schöne an der Meinungsfreiheit ist ja, dass du das so sehen kannst. Ich sehe es sehr anders.

      Erstens wüsste ich nicht, dass „Linke und Feministinnen“ ein Menschen-Importunternehmen sind.

      Zweitens sind Pauschalverurteilungen von Menschen aufgrund ihrer Religion auch nur eine weitere Diskriminierungsform, in diesem Fall Islamophobie.

  3. Toller Text, danke! 🙂

    1. Dir auch danke fürs Lesen 🙂

  4. Liebe Angela,
    danke für deine Gedanken, die weitere Aufklärung und ich merke: Ich vergesse immer wieder mal, wie privilegiert ich selbst bin.
    Ich glaube, Bildung über unbequeme Themen ist oft schwieriger als Wegschauen, wenn wir uns nicht nur für den aktuellen Zustand der Gesellschaft schämen, sondern auch für uns selbst. Eine Freundin und ich haben festgestellt, dass wir als Mädchen und junge Frauen komplett ohne Wissen über den Frauen*tag aufgewachsen sind und alleine dafür schäme ich mich, obwohl es dafür natürlich keinen Schuldspruch gibt. Danke für deine Texte und deine Arbeit hier!

    1. Liebe Regina,
      dir vielen Dank für deine Offenheit für neue Informationen. Ihr könnt ja nichts dafür, dass ihr ohne dieses Wissen aufgewachsen seid. Auch dazu hat Maya Angelou etwas zu sagen 🙂

      “Do the best you can until you know better. Then when you know better, do better.”
      ― Maya Angelou

      Schuld und Scham sind eher destruktive Konzepte, aber Verantwortung zu übernehmen und lernen zu wollen, das bringt uns alle gemeinsam weiter 🙂

      Liebe Grüße
      Angela

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