Normalerweise empfinde ich das Fediverse als sehr angenehm. Der Umgang miteinander ist meistens leichtherzig bis sachlich. Und auch wenn nicht alle in allem einer Meinung sind, kommen sie höflich miteinander aus. Ich finde es gerade spannend, auch mal andere Sichtweisen zu lesen. Und bisher dachte ich, ich könnte mich ziemlich darauf verlassen, dass das Niveau ganz anders ist als damals bei Twitter.
Erst Spielspaß dann trauriger Ernst
Das Gemüseturnier
Im November lief im Fediverse das sagenumwobene Gemüseturnier. Dabei traten zu Beginn 64 Gemüsesorten gegeneinander an, um in verschachtelten Beliebtheitsumfragen weiterzukommen oder auszuscheiden. In diesen wilden Zeiten war das ein Lichtblick.
Und viele Teilnehmende unterhielten sich mit Kolleg:innen am Mittagstisch, warum ganz klar der Brokkoli der Pastinake überlegen ist. Im Finale standen letztlich der Knoblauch und die Kartoffel, was für eine bezeichnende Entscheidung! Zur Freude der Mehrheit gewann der Knoblauch und anschließend konnten alle Gemüsesorten wieder harmonisch auf dem Teller miteinander auskommen.
Vegane Missverständnisse
Leider kam es in der Zeit danach zu unschönen Verwicklungen. Die hatten ausdrücklich mit der Veranstalterin und mit der Aktion des Gemüseturniers nicht direkt zu tun, sondern sehr indirekt. Allerdings behauptete eine Person schließlich, ich hätte sie in Privatnachrichten ganz schlimm mit Hass überzogen.
Sie hatte eine absolute Behauptung der Sorte „XY ist nicht vegan“ aufgestellt. Es handelte sich um einen bei Medien beliebten Mythos, der regelmäßig viele Klicks generiert, weil er so abstrus ist und Diskussionen garantiert. Entsprechend meldeten sich vegane Menschen, um klarzustellen, dass sie das anders sähen.
Ich versuchte, ihr den Hintergrund zu erklären, vor dem diese Menschen von dieser x-ten Wiederholung der Behauptung so verärgert waren. Außerdem gab ich ihr den Tipp, den Hashtag vegan nicht für nichtvegane Inhalte zu verwenden, wenn sie keine Debatte herausfordern will.
Sie erklärte mir ausführlich und mehrfach, warum ihre Behauptung aber doch wahr sei und forderte mich auf, ihr zu sagen, was sie machen solle. Ich sagte ihr, dass ich das alles langsam anstrengend fände und als sie mir einen Block androhte, habe ich an der Stelle sie entnervt blockiert, um Ruhe zu haben. Das war ab da alles, was ich wollte: Meine Ruhe.
Tagelang am Pranger
Stattdessen verlinkte sie in den folgenden Tagen regelmäßig öffentlich meinen Account. Immerhin ging es nur um mein privates und nicht mein geschäftliches Fediverse-Profil. Sie behauptete, ich hätte
- Hassnachrichten geschickt,
- als „Anführerin“ ihr Menschen zum Shitstorm auf den Hals gescheucht
- und ihr verboten, den Hashtag „vegan“ zu verwenden.
Leider haben das viele Menschen ungeprüft und bereitwillig geglaubt und ihre Prangerposts zigfach geteilt. Ich wurde von vielen Menschen blockiert und immer wieder von einem Mob beschimpft, der weder mich kannte, noch wirklich wusste, was genau gelaufen war. Eine kleine Auswahl:
„kein wertvoller Mensch“
„Anti Demokraten“
„bösartig“
„Vegan-Taliban“
„Nervensägen“
„Unmenschen“
🤮
„Hier bitte justiziable Bezeichnung einsetzen“
„Deppen“
„nicht ganz klar im Kopf“
„Schariapolizei“
„Sekte“
„Arschkrampen“
„bekloppt“
„ekligerer Teil der Menschheit“
„Arschgeigen“
„Hooligans“
„Veganpolizei“
„nur, weil ihr voll Hass seid“
„Schwachmaten“
Einer der Beteiligten schrieb tatsächlich als Tipp für die vielen angeblich eintrudelnden Hassnachrichten:
„Alternativ kannst Du das natürlich immer auch an die Meute verfüttern“
Er hat da schon genau die richtigen Worte gewählt, denn so fühlte sich das an. Wie eine Meute.
Fürs Protokoll: Mir ist es egal, wer was unter welchem Hashtag ins Fediverse oder wo auch immer postet. War es auch vorher schon. Nur müssen sich Menschen nicht wundern, dass manche anderen Menschen genervt sind, wenn sie eigentlich Rezepte oder andere nette Beiträge erwarten, und dann erscheinen Dinge wie
„Dieses Essen ist nicht # vegan aber lecker“
oder
„Ich möchte manchmal die ganze # vegane Bubble anzünden.“
Beides tatsächlich so geschrieben. Das ist einfach nicht hilfreich, sondern Provokation. Aber wie gesagt, ich stelle das allen frei, habe ja auch überhaupt kein Recht, irgendwem irgendetwas zu verbieten.
Was mich so enttäuscht hat
Noch heute sitze ich fassungslos hier und frage mich, was da in der Kommunikation schief gelaufen ist, sodass ich plötzlich öffentlich als Hassperson da stand. Wirklich enttäuschend an der Geschichte war, wie der Mob sich immer wieder gegenseitig aufschaukelte, denn wie wir ja alle wissen, sind vegane Menschen militant und absurd und müssen ja die Aggressoren sein.
Ganz wenige haben sich zwischenzeitlich mal gewundert. Geschrieben, dass sie gar keine Hasskommentare sehen. Aber daraus haben sie nicht den Schluss gezogen, dass es jedenfalls öffentlich gar keinen Shitstorm gab. Sie haben sich das immer wieder irgendwie anders zurecht erklärt. Weil es ja nicht sein konnte, dass der Stress nicht von mir ausging.
Sie haben auch geglaubt, dass es Hass-E-Mails gegeben habe, obwohl nirgends eine E-Mail-Adresse auftauchte. Das logische und kritische Denken hatte anscheinend vor lauter Wut komplett ausgesetzt. Bei Menschen, die die exakt gleichen Dynamiken in anderen Zusammenhängen erkennen und massiv kritisieren würden.
Darunter waren Menschen, die von der vorausgehenden Debatte nichts mitbekommen hatten. Und andere, die mich eigentlich aus früheren Onlinebegegnungen kannten und von denen ich nicht erwartet hatte, dass sie mich als Hasskommentatorin einschätzen würden. Am Ende ist es ja so, dass es sich nicht lohnt, solche Dinge persönlich zu nehmen. Und es sagt auch mehr über die betreffenden Menschen aus als über mich.
Irgendwann habe ich die Profile nur noch blockiert, die diese gehässigen Posts über mich geteilt oder mir gegenüber verächtlich kommentiert haben.
Meine Lektionen aus diesem Onlinekonflikt
Trotzdem hat mich das getroffen und in dieser Zeit hat mir das viel Zeit und viel emotionale Energie weggefressen. Ich konnte schlecht schlafen und habe immer wieder nachgeguckt, ob sie sich immer noch über mich auslassen. Das hat mich besonders geärgert, dass ich da nicht standhaft geblieben bin und es nicht einfach ignoriert habe.
Vermutlich werde ich über dieses Erlebnis noch eine Weile nachdenken und mir überlegen, was ich daraus lernen will. Ein paar Erkenntnisse habe ich schon mitgenommen. Hier noch einmal für mich zur Erinnerung:
- Nicht alles, was jemand über andere Menschen behauptet, muss der Realität entsprechen. Erst recht nicht online, auch nicht im sonst so vernünftigen Fediverse.
- Wenn Menschen mich verurteilen, obwohl die mich und die Situation nicht kennen, hat das nichts mit mir zu tun.
- Gruppendynamiken finden auf den kuscheligsten Plattformen statt.
- Wenn mir mein Bauchgefühl sagt, dass eine Person gerade in der Vorweihnachtszeit mir nicht gut tun wird, dann halte ich mich in Zukunft gleich von ihr fern.
- Von veganen Menschen wird im Zweifelsfall erwartet, dass sie besser gar nichts öffentlich zum Themenfeld Veganismus sagen, und wenn es denn unbedingt sein muss, dann in ganz viel Watte gewickelt. Aber am besten lieber wirklich gar nichts.
Wenn nicht alle gleich sind
Vor allem der letzte Punkt ist für mich eine Herausforderung. Denn die Tierhaltung für Konsumzwecke hat auf diversen, teils miteinander verknüpften Ebenen gravierende negative Folgen. Für den Planeten, die Tiere und für uns Menschen. Und da finde ich es schwierig, mich immer zurückzuhalten, um nur ja nicht anzuecken.
Zumal es nichtveganen Menschen deutlich eher zugestanden wird, sich zum Themenkomplex zu äußern, Fehler zu machen, schlecht gelaunt zu sein, Dinge misszuverstehen, Fehlinformationen zu behaupten, den eigenen Hashtag nicht mit Provokationen vollgestellt zu bekommen und offensichtlich reichlich gehässige Urteile über andere Menschen auszusprechen. Schließlich sind sie auch die Mehrheit.
Wie schön wäre es, wenn wir alle entspannter wären und gegenseitig mehr Nachsicht walten lassen könnten. Egal ob vegan oder nicht. Und das nicht nur im Fediverse.
Wie sind deine Erfahrungen?
Ist dir auch schon einmal so eine Geschichte passiert? Bei der du im Nachhinein nur staunen konntest, wie ein Aneinander-Vorbeireden so eskaliert ist?
Wenn ja, wie bist du damit umgegangen? Was hat es mit dir gemacht, dass Menschen dich für einen bösartigen Unmenschen gehalten haben?
Wenn nicht, freut es mich sehr für dich. Wie gesagt, bisher waren meine Erfahrungen auch ganz anders. Und ich hoffe, wenn sich der Staub gelegt hat, wird es auch für mich wieder ruhiger werden.



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