Zu meiner großen Freude läuft Sylvia Tornaus Blogparade über das große Thema Frauensolidarität heute erst ab. Wir beide, sie und ich sind uns einig, dass wir davon heutzutage noch viel mehr gebrauchen könnten. In ihrem eigenen Beitrag schreibt sie von Konkurrenz und Neid unter Frauen und das war für mich ein weiterer Anstoß, mich zu beteiligen.
Disclaimer: Wenn wir über Frauen sprechen, macht das automatisch eine binäre Unterscheidung auf. Die Wirklichkeit ist natürlich nicht so einfach, weder biologisch noch gesellschaftlich. Ich stelle es allen frei, sich mit der Gruppe, die ich hier als Frauen bezeichne, zu identifizieren und komme später noch einmal auf diesen Disclaimer zurück.
Wo habe ich Frauensolidarität erlebt?
In meiner Familie
Ich habe eine um etwas weniger als zwei Jahre ältere Schwester. Meine prägenden ersten Jahre hindurch waren wir ein solide zusammengeschweißtes Duo, auch wenn wir uns viel gestritten haben. In meiner Erinnerung haben wir gegenüber anderen Kindern aufeinander aufgepasst und uns vor unseren Eltern gegenseitig verteidigt. Und das hat wahrscheinlich meine Vorstellung von einem Miteinander unter Frauen stark geprägt.
In der Schule und an der Uni
Vielleicht liegt es auch an meiner Persönlichkeit. In der Schule und später im Studium habe ich mir nicht aktiv Freundinnen gesucht, ich wurde eher irgendwie aufgesammelt und untergehakt. Daher war ich auch nicht so erpressbar nach der Methode „Wenn du nicht das richtige Aussehen oder Verhalten an den Tag legst, wird dir die Freundschaft entzogen“. Das läuft auch heute noch so.
Ich habe weibliche Mitmenschen tendenziell eher neutral erlebt, männliche tendenziell als etwas lauter und nerviger. Und das Gesamtsystem, die Gesellschaft schien mir schon früh einen speziellen Typ Männlichkeit zu belohnen. Den dominanten, übermäßig selbstsicheren. Und das hat mich als Jugendliche schon so genervt, dass ich daneben wenig Kapazitäten hatte, ausdrücklichen Stress unter Mädchen oder Frauen wahrzunehmen.
Im Chemiestudium war der Frauenanteil sehr gering. Entgegen dem weit verbreiteten Klischee führte auch das nicht zu einer Konkurrenzsituation, wir kamen gut miteinander aus, haben Lerngruppen gebildet und uns in Laborpraktika unterstützt und generell viel miteinander gelacht.
Meine Doktormutter in London war immer unfassbar gut frisiert und adrett gekleidet. Ich bin zu der Zeit mit kurzrasierten Haaren, Tanktops und lila DocMartens-Stiefeln herumgelaufen. Und trotzdem war unser Verhältnis wirklich knirschfrei, genauso wie auch das zwischen mir und den anderen Doktorandinnen in ihrer und in anderen Gruppen.
Allgemein
Immer wenn jemand in meiner Gegenwart von „Stutenbissigkeit“ erzählte, fühlte ich mich wie in einer Parallelwelt. Noch heute geht mir dieser Begriff sehr schräg runter, weil ich diesen Effekt nie erlebt habe, mir aber viele Menschen einreden wollen, das sei so weit verbreitet und fast schon ein Automatismus. Wenn jemand glaubt, Frauen müssten sich gegenseitig ohne gute Gründe reflexhaft gegenseitig wegbeißen, werde ich misstrauisch.
Wo wünsche ich mir mehr Frauensolidarität?
Im Umgang untereinander erlebe ich Frauen also nicht speziell problematisch. Allerdings leben wir nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Gesellschaftssystem, das Männer als Grundform betrachtet und Frauen als Sonderausgabe. Medizinische Forschung ist genauso unsymmetrisch verteilt wie die Verteilung von Plätzen in Aufsichtsräten und öffentlichen Gesprächsrunden. Und wir alle haben das als normal verinnerlicht.
In der Musik
Mir persönlich fällt das besonders im Musikbereich auf. Relativ unabhängig vom Genre treten mehr Männer auf und bekommen mehr positive Aufmerksamkeit. Und ich nehme mich davon nicht aus, ich habe in meiner eigenen Sammlung deutlich mehr Musik von Männern und höre die auch häufiger. Beim Streamen setzt dann der Henne-Ei-Algorithmus ein und mir wird noch mehr Männermusik vorgeschlagen.
Dazu noch ein Zitat aus einem Frauenpanel auf dem WOA 2026:
„Female fronted is not a genre.“
Während Männer in unterschiedlichen Sparten musizieren, werden oft Bands mit Frauen als „Female“ zusammen gruppiert. Irgendwie auch dabei, irgendwie anders, also rein mit ihnen in die Extrakiste. Und hoffentlich haben sie beim Singen enge Kleidung an.
In Filmen
Ähnlich ist es mit Filmen und Serien. Der Bechdel-Test ist ursprünglich ein mehr als vierzig Jahre alter Witz, an dem immer noch die Mehrheit dessen scheitert, was wir uns so ansehen. Er besteht aus drei Fragen: Ob in einem Werk mindestens zwei Frauen vorkommen, die miteinander sprechen und sich dabei nicht nur über einen Mann unterhalten.
Klingt nach einer extrem tiefen Latte. Und ganz selbstverständlich gibt es in nahezu jedem Film deutlich mehr als zwei Männer in Sprechrollen, die sich über alles mögliche unterhalten. Aber das Meiste, was ich so sehe, geht immer noch voll an dieser Minimalwunschliste vorbei. Unfassbar eigentlich, aber es findet oft in unserem kulturellen blinden Fleck statt.
Dass Frauen in Gesprächsrunden, in Festival-Lineups und in Filmen und Serien so hoffnungslos unterrepräsentiert sind, ist nicht nur ärgerlich. Die Konsequenzen sind: Weniger Macht, weniger Einfluss, weniger Jobs, weniger Einkommen. An der Stelle wünsche ich mir auch von Frauen lautere Forderungen nach mehr Repräsentation, wie ich in einem Blogartikel 2023 zum 8. März schrieb.
Wo und wie bin ich selbst solidarisch?
Ich bemühe mich. Und manchmal klappt es besser, manchmal nicht so sehr. Wenn mir jemand von bissigen Stuten erzählt, biete ich meine gegenteiligen Erfahrungen an. Wenn in meinem Matheunterricht Mädchen ihre eigenen Kompetenzen anzweifeln, bestärke ich sie.
In den unvermeidlichen mathefremden Unterhaltungen bin ich mir mit ihnen ausdrücklich einig, dass die Lektürenliste in Deutsch tragisch ist, weil so gut wie nur von Männern geschrieben und es kommt fast immer eine Frau als schwaches Opfer vor.
Mein Mann kann ein Lied von meinem „Fernsehverhalten“ singen. Was auch immer es ist, ich liefere den mitlaufenden Kommentar und irgendwann kommt garantiert mein Bechdel-Fazit. Zumindest ein Mann auf dieser Welt ist auf jeden Fall in Sachen weiblicher Repräsentanz auf dem Bildschirm auf dem Laufenden.
Und dann entscheide ich auch immer wieder, bewusst Musik, Erklärvideos, Bücher oder ähnliches von Frauen zu konsumieren, wenn ich die Wahl habe. Alleine, dass ich mich dazu bewusst entschließen muss, ist für mich ein Zeichen, dass ich da noch deutlich organischer solidarisch werden kann. Im November steht bei mir die Challenge „Nur Musik von Frauen einschalten“ an.
Wenn es um Blogs geht, bin ich von mir aus in einer eher weiblichen Bubble. Aber ich sehe auf Blogs von Männern mehr Empfehlungen für andere männliche Blogger. Bis hin dazu, dass sie nur andere Männer empfehlen. Auch das bewirkt bei mir das Bedürfnis, verstärkt Bloggerinnen zu lesen und zu verlinken. Nicht ausschließlich und nicht, weil ich Männerstimmen für nicht relevant halte, sondern als Gegengewicht.
Wovon brauchen wir mehr, um solidarisch zu sein?
Wir brauchen überhaupt erstmal ein Bewusstsein. Für die Schieflage, in der wir uns befinden und für die hartnäckigen Mythen, dass Frauen angeblich nicht so gut solidarisch sein können. Wir müssen hinterfragen, ob Frauen wirklich weniger gut in solidarischem Verhalten sind, oder ob es nicht eher eine Gewohnheit ist und ein durch lebenslange Anschauung eingeschliffener Wahrnehmungsfilter, wenn auch Frauen mehr Kunst von Männern konsumieren.
Wir müssen uns gegenseitig wahrnehmen. In unseren Ähnlichkeiten und unseren Unterschieden. Für mehr Frauensolidarität müssen wir erst einmal bewusst sehen, wie viel wir wert sind als Individuen. Und wie viel schöner wir es haben könnten, wenn wir uns gegenseitig öfter im Blick hätten.
Und dann müssen wir uns einfach immer wieder bewusst dazu entschließen, solidarisch zu sein. Wenn wir nur eine Option wählen können, dann eben mal die weibliche Stimme anhören und gegebenenfalls materiell belohnen. Solange, bis es eine natürliche Gewohnheit geworden ist.
Um zu meinem Disclaimer zurückzukommen: Mir ist es wichtig, in diese Solidarität alle mit einzubeziehen, die vom Patriarchat gemeinsam mit cis Frauen in die „Anders“-Kiste sortiert werden. Den Wettbewerb um Einfluss und Aufmerksamkeit beseitigen wir nicht, wenn wir vor Menschen, die genau wie wir unterrepräsentiert sind (oft sogar noch stärker), die Leiter hochziehen und das Boot für voll erklären.
Was möchte ich anderen Frauen mitgeben?
Es braucht nicht viel. Keine besonders großen Gesten oder hohen Energieeinsatz. Hauptsächlich brauchen wir ein Bewusstsein für das Problem und unsere verstellten Wahrnehmungsfilter, außerdem Entschlossenheit und etwas Ausdauer. Keine von uns muss in den Kampf ziehen.
Wenn wir uns im Rahmen unserer Kapazitäten bemühen, unsere Mitschwestern immer wieder bewusst zu sehen und wertzuschätzen, ist das schon eine ganze Menge.
Wie hältst du es mit der Frauensolidarität?
Ist das für dich überhaupt ein Thema? Siehst du unsere Gesellschaft auch in Schieflage?
Was sind deine Wünsche und Idealvorstellungen, was Frauensolidarität angeht?
Und falls du meinst, Frauensolidarität dürfte gestärkt werden, wie gehst du dabei vor?



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