Immer wieder taucht die Frage auf, ob Feigen vegan sind. Allerdings, wie auch meine kurze Online-Recherche nahelegt, nicht von veganen Menschen selbst. Weil diese Diskussion manchmal extrem ausufert, besonders online, habe ich beschlossen, meine Antwort dazu zu verbloggen.
Was an Feigen sollte nicht vegan sein?
Manche Feigensorten leben mit Insekten in Symbiose. Zum Bestäuben krabbeln Wespen in die Blüte hinein, verlieren dabei ihre Flügel, sterben in der Blüte und werden im weiteren Verlauf von den Enzymen der sich entwickelnden Feige verdaut. Auf dieser Basis argumentieren Medien wie der Focus oder der MDR sowie Gourmetmagazine wie Falstaff, Feigen seien nicht vegan, weil sie Reste eines toten Tieres enthalten. Darüber hinaus lese ich in diesen Quellen immer wieder, vegane Menschen seien „verunsichert“.
Allerdings werden nicht alle Feigen so bestäubt. Die Feigenwespe tritt nördlich der Alpen gar nicht auf und in dieser Region sind Feigen selbstbestäubend. Die Frage an sich ist also nicht eindeutig mit Ja oder Nein zu beantworten, selbst wenn jemand „vegan“ definiert als „enthält keinerlei Atome, die einmal Teil eines Tieres waren“ oder „im Verlauf der Entstehung ist ein Tier gestorben“.
Spoiler: Veganer:innen definieren vegan im Allgemeinen eher nicht so. Deswegen sehen sie das Problem auch eher anders. Ich selbst esse Feigen, wenn auch selten, und in meinem Umfeld, online wie im realen Leben, kenne ich keine veganen Menschen, die Feigen als unvegan betrachten. Es ist kein Zufall, dass vegane Organisationen online der angeblichen „großen Verunsicherung“ eher widersprechen.
Die Schrödinger-Feige
In meiner Erfahrung führt das Thema bei vielen nichtveganen Menschen schnell zu zwei sich widersprechenden Empörungswellen.
Ein Teil sagt: „Was? Jetzt auch noch Feigen? Das ist ein natürlicher Prozess, was wollen die denn machen, wenn sie auf einer Wiese auf eine Ameise treten? Sowas von dogmatisch!“
Ein anderer Teil sagt: „Ach, bei Feigen hört die Ethik auf? Sind Wespen jetzt weniger wichtig als andere Tiere? Sowas von inkonsequent“
Wir können es also nur falsch machen. Irgendjemand regt sich auf, so oder so. Und am Ende verhärtet sich im ungünstigen und leider nicht seltenen Fall das Feindbild von den gleichzeitig dogmatischen und heuchlerischen Veganer:innen. In meinem persönlichen Streitfall war es so, dass sämtliche beteiligten Veganer:innen Feigen für vegan erklärten und das reichte für eine Gruppendynamik aus, die am Ende dazu führte, dass ich meinen privaten Account bei Mastodon gelöscht habe.
Diese starken emotionalen Reaktionen deuten schon darauf hin, dass es plausibel gesehen in Wirklichkeit weder um die Feige noch um die Wespe gehen dürfte.
Warum es ziemlich irrelevant ist, ob Feigen vegan sind
Definition Veganismus
Wie ich schon sagte, diskutieren Veganer:innen eher am seltensten über dieses Thema. Auch wenn die diversen Gourmet- und Faktenwissenartikel es anders behaupten. Die Definition der Vegan Society, die den Begriff „vegan“ erfunden hat, lautet:
„Veganism is a philosophy and way of living which seeks to exclude—as far as is possible and practicable—all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose; and by extension, promotes the development and use of animal-free alternatives for the benefit of animals, humans and the environment. In dietary terms it denotes the practice of dispensing with all products derived wholly or partly from animals.„
Der Grundsatz ist also die Vermeidung von Ausbeutung und Grausamkeit, so weit wie möglich und praktikabel. Der letzte Satz scheint dagegen zu sprechen, dass Feigen vegan sind. Allerdings ist damit nicht gemeint, dass keine Atome enthalten sein dürfen, die jemals Teil eines Tiers waren. Sondern dass Menschen nicht Teile aus Tieren entnehmen und sie verarbeiten sollen. Es geht, wie gesagt, grundsätzlich um Ausbeutung und Grausamkeit.
Ausbeutung und Grausamkeit in unserem System
Wo werden Tiere von Menschen ausgebeutet, in ihrer Freiheit eingeschränkt oder körperlich beschädigt, um Produkte oder Dienstleistungen zu erzeugen? Unter anderem hier:
- Erzeugung von Fleisch, Eiern und Milch
- Herstellung von Mützenbommeln und Winterjackenpolstern
- Unterhaltungswecke
- Transport im Tourismusbereich
- Verwendung im Sport
- medizinische Experimente
In diesen Fällen entscheiden wir Menschen uns, Tiere aktiv zu nutzen. Wir halten sie absichtlich in Unfreiheit und töten sie in jungem Alter. Vegane Menschen sehen darin ein systematisches Unrecht, besonders auch, weil nichts davon notwendig ist.
Die vegane Bibel
Das Urteil, Veganer:nnen seien entweder dogmatisch oder Heuchler:innen, lässt vermuten, es gäbe feste Gebote im Veganismus. Stattdessen entwickeln Veganer:innen im Allgemeinen eine ethische Haltung, aus der heraus sie ihre Entscheidungen treffen, um Ausbeutung und Grausamkeit möglichst zu vermeiden.
Es gibt dabei eindeutige und weniger eindeutige Fälle. Weder ich noch jemand aus meinem veganen Umfeld würde zum Beispiel einen Menschen verurteilen, der ein wichtiges Medikament einnimmt, das nicht tierfrei erhältlich ist.
Genauso mag es Veganer:innen geben, denen der Tod der Feigenwespe zu weit geht. Selbst wenn hier der Mensch nicht aktiv eingreift und es sich um einen natürlichen und symbiotischen Prozess handelt, von dem definitionsgemäß auch die Feigenwespe als Art profitiert.
Angesichts des Leids, das wir Menschen Tieren in großem Maßstab aktiv zufügen, fällt die Feige selbst als Grauzonenfall sehr wenig ins Gewicht. Sie ist eher eine pflanzenbautechnische Kuriosität. Zusätzlich zu den tatsächlich zertretenen Ameisen und den Tieren, die durch unseren Wohnungs- und Straßenbau ihren Lebensraum verlieren. Nicht zu vergessen: Den Tieren, die bei allen möglichen landwirtschaftlichen Vorgängen sterben, zum Beispiel beim Ernten, die wir also alle „auf dem Gewissen haben“, wenn wir Pflanzen essen, die im großen Maßstab angebaut werden..
Ein interessantes Ergebnis meiner Recherche war eine Reddit-Diskussion. Dabei sprachen sich die anwesenden Veganer:innen dafür aus, dass Feigen vegan sind und das außerdem die Frage an sich eine anstrengende Nebelkerze ist.
Warum die Frage an sich problematisch ist
Vielen nichtveganen Menschen ist klar, wie viel Leid unser System erzeugt. Viele vegane Menschen wünschen sich, dass sich an diesem System etwas ändert. Aber statt über systematisches, aktiv zugefügtes Unrecht zu sprechen, diskutieren wir immer wieder über Feigen und ihren Status.
Das haben die Feigen mit den Genderstern, Lastenrädern und dem Tempolimit gemeinsam: Sie lenken von großen und eigentlichen Problemen ab und verbrennen dadurch Zeit und Energie. Sie helfen, uns in scheinbar entgegengesetzte Lager aufzuspalten.
Bei diesem Teile-und-herrsche-Prinzip werden wir mit emotionalisierenden Informationen geflutet und überfordert. Es werden Identitäten künstlich überhöht und dann als in Gefahr präsentiert.
Wer profitiert von dieser künstlichen Debatte? Zuerst einmal die Medien, die darauf zählen können, dass die Artikel bei jeder Wiederholung wieder massenhaft klicken. Außerdem ist die Aufregung über die dogmatischen und gleichzeitig inkonsequenten Veganer:innen eine gute Gelegenheit, die kognitive Dissonanz, das unterschwellige ungute Gefühl, etwas abzubauen.
Und letztlich gewinnen bei solchen Diskussionen die üblichen Verdächtigen, die ihre Macht und ihren Wohlstand dadurch sichern, dass sie weniger Mächtige und weniger Wohlhabende gegeneinander aufhetzen.
Ist es das wert? Hat sonst irgendjemand etwas davon, sich im Bereich Feigen die Deutungshoheit und das letzte Urteil erstritten zu haben? Ich denke nicht. Aus meiner Sicht wären wir gut beraten, unsere Energie und Aufmerksamkeit sinvoller einzusetzen.
An dieser Stelle verlinke ich zum Abschluss noch einmal die Folge des Podcasts „Wind und Wurzeln“ von und mit Marine Weisband. Sie befasst sich sehr konstruktiv mit genau diesem Problem der Bildung von künstlichen Lagern:
Was meinst du?
Hattest du von der Feigenfrage vor diesem Blogpost schon etwas mitbekommen?
Aus meiner Sicht noch wichtiger: Wie sehr besorgt dich die immer wieder hochkochende Aufregung um solche Scheindebatten?



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