Im September 2023 steckte ich mich bei einer Schülerin mit SARS-Cov-2 an. Noch nie vorher war ich jemals so krank gewesen wie in den darauf folgenden Tagen. Selbst nach dem negativen Testergebnis zwei Wochen später blieb mir eine bleierne Müdigkeit zurück. Seitdem schleppe ich mich mit Long-COVID herum. Bis Mitte März hatte ich eigentlich den Eindruck, es würde stetig, wenn auch langsam besser. Stattdessen hat sich der Bleimantel wieder über meinen Alltag gelegt, wie auch meinem Blog anzumerken ist.
Wie Long-COVID bei mir aussieht
Sehr viele Betroffene haben es deutlich schlimmer als ich. Und wie so oft ist das nur ein mittelmäßiger Trost.
Ich kann meinem Beruf nachgehen und bin mit Hilfe meiner Habittracker-App so organisiert wie lange nicht in meinem Leben. Und gleichzeitig war ich seit Jahren nicht mehr laufen. Physische Aufgaben wie Heckeschneiden sind auf meiner Wunschliste und trotzdem jenseits meiner Leistungsfähigkeit.
Mein Leben fand und findet seit dem Herbst 2023 statt zwischen Selbstakzeptanz, Schonhaltung, für mich untypischem Optimismus und Wut auf die Welt.
Kleine „Wanderungen“ um die 10 Kilometer sind machbar und tauchen deswegen immer in meinen ToWants auf. Mein Gedächtnis ist wieder zuverlässiger, immerhin. 2024 konnte ich Fliedergeruch gar nicht wahrnahmen, 2025 wenigstens zu geschätzt 80%. Wie es in diesem Frühjahr aussehen wird mit mir und dem Flieder, ist abzuwarten.
Mein Long-COVID fügt sich nahtlos mit Hashimoto und dem typisch bunten Strauß an Menopausensymptomen zusammen. Da ist es nicht einfach, die einzelnen Probleme und Ursachen auseinander zu halten, auch wenn sich meine jetzige Müdigkeit ganz anders anfühlt als eine Schilddrüsenunterfunktion. Und doch scheint es mir, als hätten sich die drei verabredet, mir zehn neue Kilogramm umzulegen. Nicht aus Blei, sondern mein eigenes Körpergewicht.
Die Fortschritte
Im Jahr 2025 habe ich mich durch einen Untersuchungsmarathon gequält. Der Vorteil daran war, dass ich jetzt weiß, dass Hirn, Herz und Lunge für mein Alter in Ordnung sind. Immerhin hat dieses Virus, das an so vielen Stellen im Körper Schäden verursachen kann, mir keinen Nebel im Kopf verursacht, was vor meiner Infektion meine größte Angst war. Aber in ein MRT bekommt mich so schnell niemand mehr.
Mit allen diesen Diagnosen trat ich im August 2025 im UKSH Kiel an. Dort erklärte der Art mir, dass er in meinem Fall davon ausginge, dass ich mich wieder erholen würde. Die gute Seite an einem „leichten“ Fall wie bei mir: Es besteht aus Sicht der Medizin anscheinend kein Interventionsbedarf. Der Haken daran: Seitdem warte ich auf Verbesserung.
Wobei es mir auch tatsächlich immer besser geht. Wenn auch in so kleinen Schritten, dass ich mich manchmal frage, ob das wirklich Heilung ist oder ein Dran-Gewöhnen. Trotzdem waren der Januar und der Februar 2026 für mich Monate, in denen ich mir fast vorkam wie vor COVID. Fast wie die normale Angela. Erfahrungsberichte über Spontanheilungen nach drei Jahren geben mir extra Hoffnung.
Im Oktober und November 2025 habe ich auf eigene Faust ausprobiert, ob mir Nikotinpflaster helfen. Dass das so ein Selbstversuch war, sagt auch alles über mein Verhältnis zu meiner Hausärztin aus. Tatsächlich war ich von der Wirkung beeindruckt und dass ich über dieses Experiment nicht gebloggt habe, lag eher an der langen Liste an sonstigen Themen, über die ich auch dringend schreiben wollte. Ich werde das aber nachholen, denn die Verbesserung schreibe ich immer noch mehrheitlich den Pflastern zu.
Der Long-COVID-Frust
Geduld ist nicht meine Stärke. Dieses Warten auf Heilung finde ich mindestens so zermürbend wie die Müdigkeit an sich. Noch weniger gut gehe ich mit Rückschlägen um. Und dann kam Mitte März 2026 der Bleimantel zurück und mit ihm die Weigerung meiner Muskeln, sich länger als ein paar Minuten zu bewegen, bevor sie sich wie nasse Sandsäcke anfühlen.
Meine schöne selbstfürsorgliche Kleine-Schritte- und Groovy-Gewohnheiten-Planung knickte in sich zusammen. Nicht einmal das digitale Habitica-Konfetti konnte mich motivieren, jeden Tag 20 Minuten zu bloggen oder sonst irgend etwas zu tun.
Ich hatte große Mühe, mein inneres Team einigermaßen friedlich zusammen zu halten. Ein Teil hatte auf gar nichts Lust, ein weiterer verordnete uns mit gutem Grund das Herunterfahren von Aktivitäten, während auf der anderen Tischseite die Angela mit den vielen Plänen und Ideen immer wütender wurde.
Richtig konsequent durchgezogen habe ich nur das Bingen von Videoschnipseln einer britischen Soap, bei der einer meiner Lieblingscharaktere nach sechs Jahren aus dem Gefängnis zurück ist. Auch wenn seine neue Story unterhaltsam und teils herzerwärmend ist, hat diese Ablenkung die Situation alles andere als gerettet. Aktuell klebe ich mir wieder jeden Morgen ein Nikotinpflaster auf und warte ab, was passiert.
Mein näheres und ferneres Umfeld
Mein Mann trägt mir zuliebe Maske, wenn er mit der S-Bahn zur Arbeit fährt. Der Rest der Menschen in meinem Umfeld scheint allerdings alle Lektionen aus der Pandemie vergessen zu haben. Wenn sie sie überhaupt damals zur Kenntnis genommen haben.
Offensichtlich kranke Personen sitzen in der Bahn und röcheln vor sich hin. Vor allem beim Silvesterkonzert in Wedel habe ich über die vielen alten Menschen gestaunt, die niesend und hustend mit uns im Silvesterkonzert saßen, nachdem Kinder und Jugendliche mehrfach für sie auf Gemeinschaft verzichtet und systematisch in der schulischen Notversorgung Wissenslücken angesammelt haben.
Wenn ich für mich beschließe, mit Maske am Samstag S-Bahn zu fahren, kann ich damit rechnen, dass irgendein HSV-Fan mir einen dummen Spruch reinblubbert. Mir persönlich ist es egal, was sie mit ihrem Leben machen. Nur erwarte ich eigentlich, dass sie mir im Gegenzug das gleiche Recht auf Selbstbestimmung einräumen.
Auch meine Schüler:innen muss ich immer wieder daran erinnern, dass sie nicht krank bei mir zu einer Präsenzstunde erscheinen sollen. Denn wenn ich ausfalle, kann es erstens sein, dass meine anderen Schüler:innen dann kurz vor einer Klausur ohne Unterstützung dastehen, und zweitens würde das auch bedeuten, dass ich für ein bis zwei Wochen kein Einkommen habe.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich froh bin, aus dem schlimmsten Bleimantel heraus zu sein und ganz sicher kein zweites Mal COVID haben möchte.
Daneben sehen sie auch nicht, dass sie sich immer wieder mit anderen im Kreis anstecken, wenn sie sich krank zu Klausuren schleppen und mir hinterher fröhlich davon erzählen. Diese kollektive Unvernunft und Lernresistenz treibt mich die Wände hoch.
Und dann haben wir noch nicht darüber gesprochen, dass einer der größten Risikofaktoren für die nächste Pandemie, die Produktion von Tierprodukten, überhaupt nicht gesellschaftlich wahrgenommen wurde. Im Gegenteil, es wird einfach weiter konsumiert, als wäre nichts geschehen.
Meine Gesamtsituation mit Long-COVID
Ich kann gar nicht sagen, was mich mehr nervt. Der Umgang der Mehrheit mit der Corona-Pandemie macht mich genauso müde wie mein persönlicher gesundheitlicher Rückfall im März 2026. Beides scheint mir eine Dauerlernaufgabe zu sein, denn auf das Verhalten meiner Mitmenschen habe ich letztlich keinen echten Einfluss und genauso hat mein Heilungsweg hauptsächlich mit Abwarten zu tun.
Ich las heute morgen bei bei Sylvia Tornau, wie sie sich im Zusammenhang mit dem Frauenkampftag neu ausrichtet zwischen Lautsein und dem Anerkennen des eigenen Energiepegels. Ähnlich bin ich noch nicht fertig sortiert, was meinen Umgang mit meinem Long-COVID und der kollektiven Verdrängung da draußen angeht. Nichts zu sagen wäre Resignation, und so weit bin ich noch nicht.
Dass es eine von meinen Schüler:innen war, bei der ich mich damals angesteckt habe, weil sie das Testen nicht so ernst genommen hatte, vor allem das beschäftigt mich heute noch. Bis auf Weiteres werde ich weiterhin Maske tragen und während meiner Nachhilfestunden oder online immer wieder Informationssteinchen ins Wasser werfen.
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