Facebook löschen – Was war daran so schwierig?

Ein graues Avatarbild mit zwei überkreuzten Strichen von Hand durchgestrichen als Symbolbild für Facebook löschen

Eins meiner Februarvorhaben war: Meinen Account bei Facebook löschen. Mein Meta-Businessprofil gibt es schon seit etwas über einem Jahr nicht mehr. Dieser Schritt, Instagram und Facebook mit meinen „offiziellen“ Profilen zu verlassen, fiel mir damals leicht. Es gab dort wenig echten Austausch, obwohl ich mich eine Zeitlang wirklich an all die guten Tipps hielt.

Zum Schluss hin hatte ich mir sogar noch Pläne für Reels gemacht. Und wofür? Um auf meinen Blog aufmerksam zu machen. Dieses Versprechen haben die beiden Social-Media-Plattformen nie eingelöst. Wie sich zeigte, kamen interessierte Leser:innen und Kommentare so richtig erst nach dem Meta-Abschied und der Vernetzung an ganz anderen Stellen, wie zum Beispiel dem Bloghexenforum.

Wieso wollte ich auch privat Facebook löschen?

Überwiegend aus den gleichen Gründen. Nur ist es im Laufe des vergangenen Jahres in allen Punkten eher schlimmer geworden. Die Stimmung, die gruseligen KI-Bilder, der Algorithmus, der mir treffsicher Posts mit Nervpotential vorschlug, und vor allem: Das Wissen, dass Meta genauso wie X hauptsächlich von rechtsextremer Seite als Propagandaplattform genutzt werden. Das wollte ich mir nicht mehr zumuten.

Wie bin ich vorgegangen?

Meta bietet den Ablauf bewusst nicht allzu offensichtlich an. Trotzdem gibt es eine offizielle Anleitung zum Löschen eines Accounts. Lange vorher hatte ich schon alle Bilder und alle meine Beiträge gelöscht. Ich wollte Meta immerhin so wenig wie möglich an Daten dauerhaft frei Haus anbieten.

Nachdem ich mich vorhin durch die ersten Schritte durchgeklickt hatte, bot Facebook mir an, mein Profil zunächst nur zu deaktivieren. Damit ich nach etwas Bedenkzeit reumütig wieder zurückkehren könnte. Als ich trotzdem wieder die Löschung wählte, wurden mir Apps aufgelistet, deren Login ich mal mit Facebook verknüpft hatte. Was auf den ersten Blick immer so schön bequem wirkt, dient erstens dem intensiveren Datenabgreifen, und es kettet auch scheinbar stärker an den Account.

Für die diversen Drittprofile hatte ich allerdings schon lange vorher die Zugänge auf eine jeweils eigene Passwortbasis geändert. Hätte ich das jetzt heute Vormittag alles noch nebenbei machen müssen, das wäre schon eine Motivationsbremse gewesen. So blieb mir nur, die Bitte um Löschung mehrere Male hintereinander anzuklicken, und ein letztes Mal mit meinem Passwort zu bestätigen.

Warum habe ich mit der Löschung so lange gewartet?

Im Gegensatz zu meinen Businessaccounts (und meinem privaten Instaprofil) gab es für mein privates Facebookkonto Zeiten, in denen ich damit intensiv und international mit anderen Menschen im Austausch war. Ich habe mir den Zugang überhaupt nur zugelegt, nach langem Zögern und unter Protest, weil viele meiner US-amerikanischen Verwandten dort waren. Der Kontakt zu ihnen wurde dadurch so leicht und unterhaltsam.

Später kamen Tierrechtsgruppen wie Active Vegans Hamburg und Challenge22 dazu. Letzere ist eine internationale Organisation, die auf Facebook kostenlose Challenges anbietet, um Menschen bei der Umstellung auf veganes Leben zu begleiten. Dort habe ich mich zeitweise intensiv eingebracht. Jetzt mentoriere ich noch sporadisch den WhatApp-Ableger, der statt zweiundzwanzig nur fünf Tage dauert. Und selbst da bin ich ja immer noch im Meta-Einflussbereich, meine nächste Baustelle.

So viele Menschen sind bei Meta, weil so viele Menschen bei Meta sind. Die Furcht, etwas zu verpassen und den Anschluss zu verlieren, auch FOMO genannt, ist eine sehr effektive Hürde, wenn jemand eigentlich aus guten Gründen Facebook löschen möchte.

Screenshot aus dem Prozess, bei dem ein Facbookprofil gelöscht wird. Die Nutzerin Angela Carstensen wird informiert, dass ihr im Mai 2011 eingerichtetes Konto inklusive dem Messenger mit 837 Kontakte gelöscht werden wird.

Was mich bis vor kurzem wirklich nachhaltig davon abhielt, war der Familienchat mit meinen Eltern und Geschwistern. Sie leben alle recht nah beieinander in Ostwestfalen, ich nicht. Vor Jahren haben wir uns im Messenger einen Gruppenchat eingerichtet, in dem so gut wie täglich Grüße, Späßchen und Informationen ausgetauscht werden. Für mich gehörte der Blick in den Messenger zum Alltag. Manchmal nutzten wir die Videochatfunktion zum gemeinsamen Plausch am Sonntag.

Und auch als ich nicht einmal mehr ein Profilbild hatte, war es für mich schwer vorstellbar, dass ich aus diesem System würde einfach aussteigen können. Dass ich so an meinen Gewohnheiten hänge, kommt ja nicht von ungefähr. Ich ging davon aus, dass es ihnen schwer fallen würde, sich umzustellen.

Was hat mir geholfen?

Die Aktion Digital Independence Day war für mich ein Segen. Dahinter stecken Menschen wie Marc Uwe Kling, die ganz normale Internetnutzer:innen dabei unterstützen, sich von den großen Broligarchen zu befreien. Und zwar in kleinen Etappen, immer am ersten Sonntag eines Monats. Es gibt Anleitungen zum Umstellen von zum Beispiel WhatsApp auf Signal. Die Bilderserie dazu habe ich auf WhatsApp und Facebook in meinen Storys geteilt.

Im Fediverse kommen an den DiDays immer wieder viele Menschen neu an, froh über die Alternativen, die sie jetzt erst so richtig wahrgenommen haben. Und in dieser Atmosphäre habe ich ganz vorsichtig in der Familiengruppe angefragt, ob es möglich wäre, diese nach Signal umzuziehen. Niemals hätte ich mit der Reaktion gerechnet: Mein Bruder und meine Schwester haben sich selbst bei Signal angemeldet, für meine Eltern hat das mein Bruder übernommen. Statt zögerlicher Nachfragen, ob das sein muss kam: „Na klar!“

Das war für mich eine sehr emotionale Geschichte. Weil ich so oft die Spaßbremse und Nervensäge bin. Die, die im Supermarkt als Kind schon Predigten über Weichmacher in der Käseverpackung hielt. Die irgendwann kein Fleisch mehr aß und später gar keine Tierprodukte mehr. Die sich und ihr Umfeld mit sechzehn Jahren über feministische Linguistik informierte. Es steckt mir wirklich in den Knochen, wie oft ich gewohnheitsmäßig anecke. Und dann ging es plötzlich so leicht und geräuschlos.

Heute Vormittag habe ich das Projekt „Facebook löschen“ abgeschlossen. Und ich sehe jetzt noch viel mehr die Menschen, die dort bleiben, weil sie tiefsitzende Angst davor haben, ausgeschlossen zu werden. Bei allen tollen Alternativen und allen verfügbaren Informationen ist das ein Aspekt, den wir nicht unterschätzen sollten. Und den wir mit einbeziehen sollten, wenn wir andere Menschen dabei begleiten, wie auch sie den Tech Bros den Stecker ziehen.

Wie sieht es bei dir aus?

Hast du noch Profile bei X oder Meta? Wenn ja, was hält dich dort? Oder siehst du grundsätzlich gar keinen Anlass, diese Plattformen zu verlassen?

Was würdest du Menschen raten, die diesen Schritt eigentlich gehen wollen, ihn aber aus FOMO oder der Furcht vor dem Anschlussverlust dann doch vor sich her schieben?


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Fediverse reactions

Kurzzeitig Forscherin in der Chemie, danach Lehrerin an Schulen in Schleswig-Holstein, jetzt als Nachhilfelehrerin selbstständig. Nach einer Rundreise durch die Stationen Ostwestfalen, Niedersachen, England, Potsdam und Dithmarschen bin ich wieder zurück im Kreis Pinneberg, wo alles begann.

Interessiert an meinen Mitmenschen und dem Wohl des Planeten, Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und allgemein am Lernen an sich. Du willst mehr wissen? Lies meine NowPage oder meine Über-Mich-Seite.


Kommentare

Eine Antwort zu „Facebook löschen – Was war daran so schwierig?“

  1. Ich bin auf Facebook immer noch deaktiviert, und mein Instagram-Profil müsste noch unbenutzt vor sich hin dümpeln. Da hatte ich das beschriebene Problem, dass ich mich dort über Facebook eingeloggt hatte, aber nach dem Deaktivieren nicht mehr reinkam.

    Ich hatte das Deaktivieren, glaube ich, letzten Mai gemacht. Spätestens diesen Mai lösche ich es dann auch ganz.

    Hin und wieder fehlt mir Facebook tatsächlich, allerdings nur im Arbeitskontext („Was sagen denn die Leute über die Baustelle in der Ortsgruppe?“ o. Ä.). Insgesamt fehlt es mir aber viel weniger als gedacht, und ich rege mich online deutlich weniger auf.

    Klar, es gibt auch nette Leute, mit denen ich so kaum noch Kontakt habe. Aber ich denke mir auch: Wer keine Lust hat, auf Alternativen umzuschwenken (muss ja nicht Fediverse sein – es gibt ja auch Mails, SMS, das Telefon! Briefe!), dem war der Kontakt wohl auch nicht so mega wichtig.

    Und bei manchen Leuten bin ich ganz froh, dass ich denen nicht mehr online über den Weg laufe.

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