Dröhnendes Schweigen

Ein unvollständiger menschlicher Kopf aus Metall als Kunstwerk in einem Hafen auf dem Gesicht liegend.

Hast du auch schon einmal mitbekommen, wie sich jemand über „dröhnendes Schweigen“ beschwert? Mich stört daran nicht nur der unangenehme Effekt, den diese Wortkombination auf mein Gehirn hat. Ich frage mich, was für eine Reaktion diese Menschen auf ihren Vorwurf erwarten. Mich jedenfalls motivieren sie eher zu einer Betrachtung, warum wir uns nicht zu allen Themen schnell und explizit äußern.

Gründe für „dröhnendes Schweigen“

Die multiplen Krisen

Wir sind alle zunehmend alarmierenden Nachrichten ausgesetzt. Wenn wir jemand draußen auf der Straße oder online treffen, müssen wir davon ausgehen, dass diese Person ähnlich emotional und mental belastet ist wie wir.

Viele von uns reagieren, indem wir bewusst weniger Informationen konsumieren, aber das ändert nichts daran, dass wir von all den Baustellen wissen. Was die Sorge um den Planeten und das gesellschaftliche Gefüge angeht, fühle ich mich oft am Limit.

Zusätzlich kann ich mich gar nicht zu allem melden, was schief läuft. Die Menschen, die von anderen so vorwurfsvoll mehr Stellungnahmen verlangen, äußern sich selbst im Gegenzug genauso wenig zu den Themen, die mich erschüttern. Nur ein paar Beispiele:

Zu diesen Themen höre und lese ich in der Breite auch nicht so viel, wie ich es mir wünschen würde. Und gleichzeitig weiß ich, dass nicht alle die gleichen Themen gleichermaßen auf dem Schirm haben. Und dass wir alle ziemlich an der Kapazitätsgrenze arbeiten.

Mein Reflex bei Menschen, die Stellungnahmen einfordern, ist regelmäßig: „Ja, und wann hast du zum letzten Mal was über den Krieg in XY / die Menschenrechtsverletzung hier / die Umweltkatastrophe dort gesagt?“

Und dann sage ich mir: Auch für diese Person hat der Tag nur 24 Stunden und vermutlich ist selbst ihr schroffer Vorwurf hauptsächlich ein Symptom für überwältigenden Frust.

Komplexität und Wissenslücken

In vielen Bereichen sind die Krisen komplex. Da bin ich eher froh, wenn sich eben nicht alle öffentlich dazu aus dem Fenster hängen. Gerade bei dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran durch die USA und Israel sehen wir sehr deutlich, wie verwirrend alleine die selbst abgegebenen Begründungen sind.

Mal geht es um angeblich kurz vor der Einsatzfähigkeit stehende Nuklearwaffen, mal um ein „faktenbasiertes Gefühl“ Trumps. Das Öl spielt mehr als wahrscheinlich eine Rolle, allerdings dürfen wir auch nicht ignorieren, dass fundamentalistisch-christliche Pläne zur Entscheidung beigetragen haben. Bei dieser wilden Mischung aus kapitalistischen, geopolitischen und extrem religiösen Motiven mit einer eher unklaren Datenlage ist es nicht weise, eine Meinung als Schnellschuss zu veröffentlichen. Diplomatisch ausgedrückt.

Bei vielen Konflikten weiß ich nicht genug, um mir eine öffentliche Meinung zu leisten. Und dann sage ich eben nichts, auch wenn mein Herz für die immer wieder betroffene Zivilbevölkerung bricht. Was ich sagen kann, ist Folgendes:

Zitatkachel. Der Text von Naomi Klein sagt auf Englisch sinngemäß: Sei immer gegenüber der Waffe auf der Seite des Kindes. Egal wessen Waffe und wessen Kind.

Das alleine wäre aber ein eher kurzer Blogbeitrag.

Die Debattenkultur

Und selbst das zu sagen, ist manchmal nicht einfach. Es gibt ein paar Themen, zu denen ich mich nicht äußere, weil ich keine Lust auf die Reaktionen habe. Damit will ich nicht in den Chor derjenigen eintreten, die meinen, wir könnten ja nichts mehr sagen. Ich könnte schon. Es ist meine Entscheidung auf der Grundlage, dass ich sehe, wie Menschen behandelt werden, die eine klare Haltung zeigen. Allerdings fühle ich mich nicht gut mit meinem Schweigen, das in diesem Fall nicht dröhnt, sondern mir auf der Seele lastet.

Oft ist es auch genau das binäre Lagerdenken, das Menschen schweigen lässt:

„Wer A sagt, muss ja mit B verfeindet sein. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Aber nichts zu sagen ist natürlich auch nicht okay, denn das heißt ja auch, dass du gegen mich bist.“

Und so weiter. Ohne Zwischentöne. Ohne wohlwollenden Vertrauensvorschuss.

Ich mache diese Themen schweigend mit meiner Seele aus und habe keine Antwort und keine Lösung. Vorwürfe, das sei dröhnend, helfen allerdings erst recht nicht weiter.

Wie siehst du das?

Stört es dich auch, wenn dir „dröhnendes Schweigen“ vorgehalten wird?

Oder nimmst du das nicht wahr? Fühlst du dich davon vielleicht gar nicht angesprochen?

Oder schließt du dich diesem Vorwurf eher an?

Und hast du eine Idee, wie wir aus dieser Lage wieder herauskommen und konstruktiv miteinander reden können?


Dir hat dieser Beitrag gefallen? Weitere Texte dieser Art findest du in der

Fediverse reactions

Kurzzeitig Forscherin in der Chemie, danach Lehrerin an Schulen in Schleswig-Holstein, jetzt als Nachhilfelehrerin selbstständig. Nach einer Rundreise durch die Stationen Ostwestfalen, Niedersachen, England, Potsdam und Dithmarschen bin ich wieder zurück im Kreis Pinneberg, wo alles begann.

Interessiert an meinen Mitmenschen und dem Wohl des Planeten, Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und allgemein am Lernen an sich. Noch mehr über mich erfährst du auf meiner NowPage und meiner Über-Mich-Seite.


Kommentare

15 Kommentare zu „Dröhnendes Schweigen“

  1. Hallo Angela,
    Du hast mir mit diesem Beitrag aus der Seele gesprochen. Für mich persönlich spielt noch ein anderer Grund mit rein. Wenn man selbst seine „Krisen“ hat, dann werden die Krisen da draußen auf einmal unwichtig. Und die Menschen „ignorieren“ was da draußen los ist. Entweder machen sie es unbewusst, oder ganz bewusst, um nicht „auszubrennen“.
    Ich möchte nicht wissen, wie viele dieser ausgebrannten Existenzen da mittlerweile rumlaufen, die Gründe dafür sind vielfältig, und ich werde sie daher hier nicht aufzählen.
    Meine Erkenntnis aus Deinem Artikel und meiner bisherigen eigenen Meinung. Wenn wir es wollen, werden wir über alle Krisen der Welt informiert. Wir haben aber nie gelernt, mit dieser Flut an Informationen umzugehen.
    Meine Handlungsweise für die Zukunft: Ich selektiere, ich konsumiere nur noch sehr begrenzt Nachrichten. Dinge, die meine persönlichen Krisen betreffen, haben Vorrang vor dem Weltgeschehen. Denn meine innere und körperliche Gesundheit ist wichtiger als die Heilung der Welt.
    Wenn die Welt will das ich etwas zu ihr beitragen, muss sie auch akzeptieren, das ich Grenzen habe, indem was ich geben kann. Und dazu gehört auch Aufmerksamkeit.
    Und ja das ist meine Handlungsweise, das sind meine Gedanken dazu. Jeder darf, kann, soll, muss es so machen wie er oder sie es für richtig hält.
    Liebe Grüße
    Daira

    1. Liebe Daira, so ist es. Da draußen läuft praktisch niemand herum und hat wirklich noch viel Luft und Energie für neue Problematiken. Wir können allen nur vor die Stirn gucken, was dahinter alles an Belastung ist, sehen wir nicht.
      Danke fürs Lesen und liebe Grüße
      Angela

  2. Irgendwo las ich mal: „Nur sehr dumme Menschen haben zu allem eine Meinung.“, und das scheint mir auch oft so zu sein. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was Leute so an Meinungen und Gewissheiten raushauen, auch wenn sie von einem Thema noch weniger verstehen als ich.
    Ansonsten – ich frage mich halt auch oft, was es bringen soll, mit jedem Menschen, der mir begegnet, alles Leid der Welt durchzukauen. Das deprimiert uns doch nur noch mehr, macht irgendwann entweder abgestumpft oder panikstarr und ändert gar nichts daran, ob z.B. Herrscher X oder Y irgendein Land angreift.
    Deswegen rede ich lieber mit Leuten über Dinge in ihrem Ereignishorizont. oder rede auch mal gar nicht und gucke mir die Natur an.

    1. Wer weiß, was es diesen Menschen an Entlastung gibt, dass sie ihre Meinung dann mal so kundtun. Es ist wirklich alles ganz schön viel und ich glaube, ich wünsche mir einfach mehr Wohlwollen und mehr Nachsicht untereinander. Naja. Da ist die Natur immer eine sichere Anlaufstelle, da bekomme ich null Vorwürfe und jede Menge Entspannung.
      Liebe Grüße
      Angela

  3. Auf dröhnendes Schweigen wurde ich noch nie angesprochen. Liegt vermutlich daran, dass ich mich hin und wieder zu Dingen äußere oder zu bestimmten Personen (fast) keinen Kontakt habe. Selber fange ich solche Themen aber gar nicht erst an.

    1. Moin Julja,
      ich wurde auch nicht persönlich angesprochen, das sind dann so allgemeine Kommentare in die Runde. Vielleicht sollte ich anfangen, dran vorbeizuhören/scrollen.
      Liebe Grüße und danke fürs Lesen!
      Angela

  4. @blogangela Das einzige „dröhnende Schweigen“, das ich kenne, war eine „dröhnende Stille“, im Wadi Rum an einem Nachmittag. Nichts, totale absolute Stille.

    1. Klingt sehr entspannend, ehrlich gesagt 🙂

  5. Hm, mir ist das auch noch nie vorgeworfen worden…vermutlich mangels Sozialkontakten oder was weisz ich –
    Jn soz. Medien äuszere ich mich inzw. überhapt nicht mehr, das führt ja nur zu Shitstorms unterschiedlicher Lager und nicht zu echtem Austausch und Bedenken von Argumenten. Leider!
    Ich konsumiere meine tägl. Nachrichtendosis tapfer immer wieder und als Ansprech-und Austauschpartner hab ich meinen Schatz. Der politisch sehr interessiert ist und Zusammenhänge/Hintergründe aufgrund seines immensen Wissens manchmal besser erkennt.
    Im Blog vermeide ich inzw. so manches, was ich früher geschrieben hätte. Mein tägl. veröffentlichtes „Friedensgebet“ ist Zeichen genug. Und das wird auch rege aufgerufen.
    Für mich waren diese religiösen Gesänge am Beginn des Ukraine-Krieges ein Mittel zur Selbstberuhigung, ja, eigentlich sind sie das immer noch. Immer mehr.
    Liebe Grüsze und ein schönes WE
    Mascha

    1. Der Vorwurf ist immer nicht persönlich gegen mich gerichtet, diese Menschen regen sich dann immer auf, dass eine ganze Gruppe, zum Beispiel Blgger:innen oder die Social Media Plattform ihrer Wahl kollektiv schweigt. Die rufen dann vorwurfsvoll in die von ihnen wahrgenommene Stille rein und scheinen zu hoffen, dass sich dann reumütig Menschen auf Befehl zu dem jeweiligen Thema melden oder so.

      Ich finde es toll, dass du deinen Beitrag zum Frieden so beständig weiterführst!

      Liebe Grüße und dir auch ein schönes Wochenende!
      Angela

  6. Wer etwas von mir will, soll mich direkt und unmissverständlich ansprechen. Bei Vorwürfen „so in die Runde“ schalte ich mittlerweile komplett auf Durchzug und beschließe, es ist nicht meine Aufgabe zu sortieren, ob ich jetzt gemeint sein könnte oder nicht.

    Wenn mich jemand direkt ansprechen würde hätte ich trotzdem erstmal viele Nachfragen, wie genau das gemeint ist.

    Bei Kommentaren „in die Runde“ kann ich die Rückfragen nicht sinnvoll stellen – noch ein Grund mehr, das komplett zu ignorieren.

    1. Ich glaube mein Problem ist, dass ich mir da einen Schuh anziehe, den ich auch einfach liegen lassen könnte. Vielen Dank für deinen Kommentar, da ist wohl wirklich Durchzug angebrachter 🙂

  7. Dröhnendes Schweigen herrscht ohnehin bei mir und meinem Blog, seit August schon.
    Ich habe meine Gründe und diverse auch schon ausgebreitet, aber sie werden nur teilweise verstanden.
    Es gibt aber so manch andere, die es mir gleichtun, also auch nichts mehr posten. Stellte ich jüngst fest.
    Ich bin aber noch Kommentator, wie man gerade jetzt hier sieht. Das macht mir Spaß.
    Schönen Gruß!

    1. Auch wenn ich nicht zu allem auf Befehl etwas schreibe, habe ich noch eine Menge zu sagen, also wird mein Blog noch lange nicht generell schweigen. Ich wünsche dir, dass für dich der Spaß auch am Bloggen wieder zurück kehrt.
      Danke auf jeden Fall und schöne Grüße zurück!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner