Neuengamme – Ein Besuch im Winter

Außenaufnahme in der Gedenkstätte Neuengamme, drei Loren auf einer Schiene, im Vordergrund ein zugefrorener Graben, Im Hintergrund unbelaubte Bäume, Baracken und grauer Himmel

Im Januar 26 habe ich mit einer Freundin die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besucht. Ich versuche, jeden Monat eine Ausstellung oder ein Museum in der Region anzusehen und dieses Ziel war mir besonders wichtig und Teil meiner ToWants. Ich hatte vorher einmal während der Hochphase der Corona-Pandemie einen Livestream gesehen und mir vorher grob heraus gesucht, wo Neuengamme liegt, aber ich war auf einige Punkte nicht vorbereitet.

Erster Eindruck

Das ehemalige Lager ist wie erwartet deutlich außerhalb des Ortes im Südosten Hamburgs gelegen. Das Gelände ist deutlich größer, als wir gedacht hatten und die Parkplätze waren nur sparsam ausgeschildert. Daher sind wir erst einmal ziemlich weit vorgefahren, dann ungefähr einen Kilometer zurück gegangen, nur um festzustellen, dass der Eingang beim Auto uns zur Hauptausstellung geführt hätte. Beim nächsten Besuch werden wir das einkalkulieren.

Eine flache, offene Landschaft, im Hintergrund Baracken, zum Teil aus roten Klinkerziegeln.

Wegen der Größe der Anlage gibt es mehrere Bushaltestellen bei den jeweiligen Eingängen. Zu Fuß haben wir ziemlich gefroren, und wenn es mir schon kalt ist, will das etwas heißen. Die Gegend ist flach und relativ offen, sodass der Wind sich frei austoben konnte. Das sorgte in Kombination mit dem grauen Winterhimmel für eine passende Atmosphäre. Und es machte auch deutlich, wie die Häftlinge damals im Winter gefroren haben müssen.

Der Besuch in Neuengamme ist kostenlos. Einer meiner Schüler war zufällig in der gleichen Woche dort, allerdings mit einer Führung, wie er erzählte. Das war vermutlich eine gute Idee, denn auch die Hinweisschilder für die einzelnen Gebäude sind eher unauffällig. Ich würde im Vorlauf wenigstens eine gründlichere Planung empfehlen.

Das Klinkerwerk in Neuengamme

Als erstes kamen wir an einer sehr großen, zugigen Halle an. Wie wir lernten, war dies die Produktionsstätte für rote Klinkerziegel. Ich wohne selbst in einem Haus mit diesen typischen dunkelroten Steinen und hatte sie bisher immer mit einem positiven Gefühl verbunden. Adolf Hitler hatte für Hamburg und speziell Altona große architektonische Pläne. Zu diesem Zweck und für spätere durch Bombenangriffe notwendige Reparaturen sollten in Neuengamme eine große Menge Klinker hergestellt werden.

Diese für mich neuen Informationen haben mein Bild von den typischen norddeutschen Häusern ein bisschen anders eingefärbt. Es ist nicht dokumentiert, wo genau in Hamburg die Klinker aus Neuengamme verbaut wurden. Ich lebe in Schleswig-Holstein und unser Haus ist aus den Nullerjahren dieses Jahrhunderts. Trotzdem sehe ich unsere roten Steine jetzt mit anderen Augen und denke dabei an die damaligen Zwangsarbeiter. Immerhin wurden die pompösen Pläne für Altona am Ende nicht umgesetzt.

Blick in zwei hell erleuchtete Räume mit horizontalen Schienen aus Steinen an den Seitenwänden. In diese sind Tafeln hinein geschoben, auf denen einzelne Ziegelsteine stehen. Der  Vordergrund ist dunkel und mit einem Metallgitter abgesperrt, das durch die Kameraeinstellung unscharf erscheint.
In diesen Öfen wurden die Klinker gebrannt.

Bei den Infotafeln im Klinkerwerk haben wir uns trotz der Kälte lange aufgehalten. Die Strategie, Baumaterial herzustellen, das repräsentativ und von guter Qualität sein soll, und dann gleichzeitig auf Zwangsarbeit zu setzen und dann noch die Arbeiter so zu drangsalieren, ist so irrational wie bösartig. Diese Haltung zog sich wie ein roter Faden durch unseren Besuch, nicht überraschend und trotzdem hatten wir immer wieder Redebedarf. Natürlich haben die Häftlinge die Produktion sabotiert, wo sie konnten. Aber auch die Aufseher sorgten mit ihrem ständigen „Schneller, schneller!“ für denkbar schlechte Produktionsbedingungen.

Blick in eine große leere Halle mit offenem Balkenwerk im Dachbereich. Im Vordergrund ist ein Kreis aus Stühlen und einem Tisch.

Die Halle steht heute größtenteils leer mit ein paar Stuhlkreisen für geführte Gruppen, zu besonderen Anlässen finden dort auch Konzerte statt. Auf unserem weiteren Weg kamen wir an den Loren im Beitragsbild vorbei. Mit ihnen wurde auf dem Gelände abgebauter Ton transportiert, eine besonders harte Arbeit.

Die Lager-SS-Ausstellung

Als zweites betraten wir die ehemaligen SS-Garagen. Dort befindet sich die Dauerausstellung „Die Lager-SS“. Dazu gehören unter anderem Prozessunterlagen von britischen, bundesdeutschen und DDR-Gerichtsverhandlungen. Es widerspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden extrem, wie viele Aufseher:innen letztlich freigesprochen wurden. Offensichtlich haben sie sich untereinander vernetzt und sich gegenseitig in der Verteidigung unterstützt.

Blick in einen Museumsraum mit Balken an der Decke, Tischen mit Informationsmaterial, Projektionen an der Hinterwand und mehreren Stationen mit Kopfhörern. An der hinteren Wand steht "Rauchen verboten", da es sich hierbei um eine ehemalige Garage im KZ Neuengamme handelt.

Es ist natürlich richtig und sinnvoll, dass Gerichte jeden Fall einzeln betrachten. Und ich habe in dieser Ausstellung eine Tonaufnahme einer Frau gehört, die zur Aufseherin in Neuengamme rekrutiert und verpflichtet wurde. Nach ihren Aussagen hatte sie die Optionen, diese Tätigkeit anzunehmen oder eventuell die Seite zu wechseln und selbst in Haft zu kommen. Wie viel Wahrheit darin steckt, kann ich nicht beurteilen und die Vorstellung, zur zwangsweise Aufsicht in einem KZ zu sein, ist auch beklemmend. Gleichzeitig sah ich Photos von freigesprochenen Menschen, die ich als Verbrecher bezeichnen würde.

Wir erfuhren eine Menge erschütternder Informationen. Unter anderem, dass ehemalige Aufseher die Jahre im Lager für ihre Rente anrechnen lassen konnten, während Häftlinge für den gleichen Zeitraum für eine Anerkennung kämpfen mussten. Die Darstellung der SS als großenteils sadistischer Männerverein macht besonders im Blick auf die aktuelle politische Lage sehr nachdenklich. Es gibt einen Typ Mensch, der ohne Skrupel und ohne jegliche Weitsicht vorgeht, sobald er nur einen Fitzel Macht in die Hand bekommt.

Eine Wand in einer Halle, mit Balken verstärkt. Eine Reihe von Fenstern lässt nur den leuchtend grauen Himmel draußen sehen.

Im Nachhinein scheint es manchmal, als hätte der Großteil der damaligen Zivilbevölkerung nichts mitbekommen oder sei im Widerstand gewesen. Aus den historischen Dokumenten dieser Ausstellung ergibt sich aber ein intensiver Austausch zwischen dem Lager und dem restlichen Ort. Die SS-Männer waren regelmäßig in den lokalen Wirtshäusern zu Gast und die Holstenbrauerei sowie landwirtschaftliche Betriebe lieferten regelmäßige Verpflegung.

Unser nächster Besuch in Neuengamme

Wir haben fest vor, dieses Jahr noch einmal wiederzukommen. Voraussichtlich ab April, wenn es nicht mehr so kalt ist. Dann werden wir am anderen Ende mit der Hauptausstellung beginnen. Aber sehr wahrscheinlich wird auch das nicht unser letzter Termin bei der Gedenkstätte bleiben, denn es gibt mehr zu sehen, als sich in einem schnellen Durchgang wirklich wahrnehmen lässt. Ich bin sehr dankbar, dass es Organisationen gibt, die diese Verbrechen für uns dokumentieren und präsentieren. Auch wenn ich mir aktuell um die gesellschaftliche Entwicklung große Sorgen mache.

Weitere Beiträge darüber, was mir zum Stichwort „Nie Wieder“ wichtig ist, findest du in der Kategorie „Haltung“.

Fediverse reactions

Kurzzeitig Forscherin in der Chemie, danach Lehrerin an Schulen in Schleswig-Holstein, jetzt als Nachhilfelehrerin selbstständig. Nach einer Rundreise durch die Stationen Ostwestfalen, Niedersachen, England, Potsdam und Dithmarschen bin ich wieder zurück im Kreis Pinneberg, wo alles begann.

Interessiert an meinen Mitmenschen und dem Wohl des Planeten, Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und allgemein am Lernen an sich. Du willst mehr wissen? Lies meine NowPage oder meine Über-Mich-Seite.


Kommentare

12 Antworten zu „Neuengamme – Ein Besuch im Winter“

  1. @blogangela das habe ich auch noch vor.

    1. Ich hatte das schon seit Ewigkeiten auf der Liste und bin froh, dass meine Freundin und ich uns gegenseitig nochmal dazu angestoßen haben.

  2. Danke für den interessanten Artikel.

    1. Sehr gerne! Mich hat der Tag sehr bewegt und da werde ich noch lange drüber nachdenken.

  3. Liebe Angela,
    bei mir ist die Erschütterung um das Thema KZ so tief verwurzelt, dass ich bei allen möglichen Gelegenheiten daran denken muss. Gerade heute wieder, als ich den kurzen Weg vom Parkplatz ins Haus bei 12° Minus zurücklegen musste. Da dachte ich: Ich komme jetzt gleich ins Warme und bin auch noch dick eingepackt. Damals mussten die Menschen – neben allem anderen – solche Temperaturen ohne Schutz und warme Kleidung ertragen …
    Und wenn man so ein Lager mal persönlich besucht und erlebt, wie riesig diese Anlagen waren, da wird einem die ganze Dimension dieser unfassbaren Verbrechen noch mal gegenwärtig. Obwohl mir das immer bewusst war, in der DDR war das ja allgegenwärtig.
    In Neuengamme war ich noch nicht, aber es ist ja nicht weit …
    Dieses Jahr ist aber erst mal Stutthof in Danzig dran.
    Danke für diesen berührenden Beitrag.

    Liebe Grüße, Astrid

    1. Liebe Astrid, es ist ja für viele nicht weit bis zu einer dieser Gedenkstätten. Manchmal braucht es nur einen kleinen Impuls aus dem Umfeld, ein „wenn du Zeit hast, ich komme mit“, um dann auch wirklich hinzufahren. Und ich empfehle wirklich, sich für den Besuch nicht zu viel vorzunehmen, die kleine Portion hat mir für den einen Besuch wirklich gereicht. Die Kommentare anderer Besucher:innen an der Pinnwand waren allerdings echt tröstlich und verbindend. Das war auch etwas, was ich mitgenommen habe.
      Liebe Grüße
      Angela

  4. Das kenne ich noch gut aus einen früheren Schulausflug. Da wird einen ganz anders, wenn man im Zentrum des damaligen Geschehens steht und alles auf einen wirken kann.
    Was völlig anderes, als wenn man es nur aus Büchern liest oder von Erzählungen hört. Es ist wichtig, dass so etwas immer wieder besucht werden kann und vorgestellt wird. 🙂

    1. Wie gesagt, einer meiner Schüler war letzte Woche auch in Neuengamme. Und ich habe mich gefreut, dass er davon so tief beeindruckt wieder gekommen ist. Im Pubertätsalter kann das ja manchmal auch schwierig sein, wenn die Gruppendynamik eher in eine andere Richtung geht und sich gegenseitig in Sachen übertriebene Coolness übertrumpft wird. Wobei unterm Strich mich die aktuell junge Generation meistens schon positiv beeindruckt.
      Liebe Grüße
      Angela

  5. Danke dir für den Bericht. Ein Besuch an so einem Ort ist immer sehr anstrengend, bedrückend und mit den Parallelen zur aktuellen Zeit und dem Erstarken der rechtspopulistischen Flügel und Parteien nicht leicht zu verdauen.
    Ein mehrmaliger Besuch ist auf jeden Fall eine gute Idee. Das Thema wird nicht leichter dadurch, aber man erfasst mehr.

    LG
    Martha

    1. Ja, wir waren uns nach der zweiten Ausstellung einig, dass wir dann genug hatten und wiederkommen würden.
      Liebe Grüße und danke fürs Lesen
      Angela

  6. Danke für den Blogbeitrag!

    Dort ist es wirklich bedrückend eindrucksvoll.

    1. Ja, das ist genau die richtige Formulierung. Mich hat das alles nachhaltig bewegt.
      Liebe Grüße
      Angela

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