Hast du auch schon einmal mitbekommen, wie sich jemand über „dröhnendes Schweigen“ beschwert? Mich stört daran nicht nur der unangenehme Effekt, den diese Wortkombination auf mein Gehirn hat. Ich frage mich, was für eine Reaktion diese Menschen auf ihren Vorwurf erwarten. Mich jedenfalls motivieren sie eher zu einer Betrachtung, warum wir uns nicht zu allen Themen schnell und explizit äußern.
Gründe für „dröhnendes Schweigen“
Die multiplen Krisen
Wir sind alle zunehmend alarmierenden Nachrichten ausgesetzt. Wenn wir jemand draußen auf der Straße oder online treffen, müssen wir davon ausgehen, dass diese Person ähnlich emotional und mental belastet ist wie wir.
Viele von uns reagieren, indem wir bewusst weniger Informationen konsumieren, aber das ändert nichts daran, dass wir von all den Baustellen wissen. Was die Sorge um den Planeten und das gesellschaftliche Gefüge angeht, fühle ich mich oft am Limit.
Zusätzlich kann ich mich gar nicht zu allem melden, was schief läuft. Die Menschen, die von anderen so vorwurfsvoll mehr Stellungnahmen verlangen, äußern sich selbst im Gegenzug genauso wenig zu den Themen, die mich erschüttern. Nur ein paar Beispiele:
- Die häufigen Femizide in Deutschland.
- Die Missstände in der Fleisch-, Milch– und Eierindustrie.
- Die Drangsalisierung von Menschen im Bürgergeld.
- Das sich beschleunigende Artensterben.
Zu diesen Themen höre und lese ich in der Breite auch nicht so viel, wie ich es mir wünschen würde. Und gleichzeitig weiß ich, dass nicht alle die gleichen Themen gleichermaßen auf dem Schirm haben. Und dass wir alle ziemlich an der Kapazitätsgrenze arbeiten.
Mein Reflex bei Menschen, die Stellungnahmen einfordern, ist regelmäßig: „Ja, und wann hast du zum letzten Mal was über den Krieg in XY / die Menschenrechtsverletzung hier / die Umweltkatastrophe dort gesagt?“
Und dann sage ich mir: Auch für diese Person hat der Tag nur 24 Stunden und vermutlich ist selbst ihr schroffer Vorwurf hauptsächlich ein Symptom für überwältigenden Frust.
Komplexität und Wissenslücken
In vielen Bereichen sind die Krisen komplex. Da bin ich eher froh, wenn sich eben nicht alle öffentlich dazu aus dem Fenster hängen. Gerade bei dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran durch die USA und Israel sehen wir sehr deutlich, wie verwirrend alleine die selbst abgegebenen Begründungen sind.
Mal geht es um angeblich kurz vor der Einsatzfähigkeit stehende Nuklearwaffen, mal um ein „faktenbasiertes Gefühl“ Trumps. Das Öl spielt mehr als wahrscheinlich eine Rolle, allerdings dürfen wir auch nicht ignorieren, dass fundamentalistisch-christliche Pläne zur Entscheidung beigetragen haben. Bei dieser wilden Mischung aus kapitalistischen, geopolitischen und extrem religiösen Motiven mit einer eher unklaren Datenlage ist es nicht weise, eine Meinung als Schnellschuss zu veröffentlichen. Diplomatisch ausgedrückt.
Bei vielen Konflikten weiß ich nicht genug, um mir eine öffentliche Meinung zu leisten. Und dann sage ich eben nichts, auch wenn mein Herz für die immer wieder betroffene Zivilbevölkerung bricht. Was ich sagen kann, ist Folgendes:

Das alleine wäre aber ein eher kurzer Blogbeitrag.
Die Debattenkultur
Und selbst das zu sagen, ist manchmal nicht einfach. Es gibt ein paar Themen, zu denen ich mich nicht äußere, weil ich keine Lust auf die Reaktionen habe. Damit will ich nicht in den Chor derjenigen eintreten, die meinen, wir könnten ja nichts mehr sagen. Ich könnte schon. Es ist meine Entscheidung auf der Grundlage, dass ich sehe, wie Menschen behandelt werden, die eine klare Haltung zeigen. Allerdings fühle ich mich nicht gut mit meinem Schweigen, das in diesem Fall nicht dröhnt, sondern mir auf der Seele lastet.
Oft ist es auch genau das binäre Lagerdenken, das Menschen schweigen lässt:
„Wer A sagt, muss ja mit B verfeindet sein. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Aber nichts zu sagen ist natürlich auch nicht okay, denn das heißt ja auch, dass du gegen mich bist.“
Und so weiter. Ohne Zwischentöne. Ohne wohlwollenden Vertrauensvorschuss.
Ich mache diese Themen schweigend mit meiner Seele aus und habe keine Antwort und keine Lösung. Vorwürfe, das sei dröhnend, helfen allerdings erst recht nicht weiter.
Wie siehst du das?
Stört es dich auch, wenn dir „dröhnendes Schweigen“ vorgehalten wird?
Oder nimmst du das nicht wahr? Fühlst du dich davon vielleicht gar nicht angesprochen?
Oder schließt du dich diesem Vorwurf eher an?
Und hast du eine Idee, wie wir aus dieser Lage wieder herauskommen und konstruktiv miteinander reden können?
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