Die aktuelle #relevant-Blogparade holt mich wieder direkt ab. Bin ich mit anderen Menschen lieber per Du oder Sie? In meinem Leben hat mich diese Besonderheit der deutschen Sprache schon mehrfach genervt, da freue ich mich über diesen Anlass, darüber zu erzählen.
Umstellung als Schülerin
In der Oberstufe haben mich die gleichen Lehrkräfte plötzlich gesiezt, die mich vorher ganz selbstverständlich geduzt haben. Das empfand ich als schräg, denn an meiner Person hatte sich ja nichts geändert. Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Klassenstufe das war, vermutlich war ich noch nicht einmal achtzehn Jahre alt, es wurde einfach dann der ganze Jahrgang pauschal mit Sie angesprochen.
Dieses schräge Gefühl hat mich nie so richtig verlassen. Zum Glück siezen ja Kinder heutzutage ihre eigenen Eltern nicht mehr, aber ich finde es schon bemerkenswert, dass die Anrede vom Alter abhängt. Natürlich haben Kinder und Jugendliche aus guten Gründen eine Sonderstellung, was zum Beispiel Strafmündigkeit und Wahlrecht angeht. Gleichzeitig habe ich vor ihnen nicht automatisch weniger oder anders Respekt als vor Erwachsenen. Ich habe auch zu ihnen nicht weniger Distanz. Und trotzdem duzen wir sie gewohnheitsmäßig.
Ungleiche Verteilung von Respekt
Besonders unerfreulich war für mich die Mutter meines Exfreundes. Sie fragte mich, ob sie mich mit Vornamen ansprechen und duzen dürfte. Als ich ihr ganz treuherzig sagte, dass das für mich in Ordnung sei, teilte sie mir mit, ich solle sie aber weiterhin mit Sie ansprechen. Ich war damals 19 Jahre alt und erlebte sie auch insgesamt als ziemlich konservativ. Trotzdem habe ich diese seltsame Regelung hauptsächlich so wahrgenommen, dass sie mich auf Abstand halten und ein Gefälle aufrecht erhalten wollte.
Ich habe sie nie gesiezt, sondern immer indirekt angesprochen. Ob das für sie auch so eine krampfige Zeit war, weiß ich nicht. Vielleicht ein Jahr später gestattete sie mir dann das Du. Sie sagte: „Naja, du weißt ja, wie ich heiße.“ Auch danach habe ich sie nie geduzt oder ihren Vornamen genutzt, ich blieb bei der Vermeidungsstrategie. Und unser Verhältnis zueinander blieb distanziert.
Und da sehen wir, was mich an dem Du oder Sie am meisten stört: Wenn sich zwei Personen ungleich ansprechen, entsteht dabei eine Hierarchie, als hätte die ältere Person mehr Respekt verdient. Oder jedenfalls die Person, die der anderen das Du nicht zugesteht. Vielleicht strahlt diese Erfahrung noch zusätzlich mit in meine heutige Haltung mit hinein.
Eiertanz
Was mich am Siezen außerdem nervt, ist die Unsicherheit, die bei vielen Menschen mit daran hängt. Was sagt jetzt der Knigge, wann biete ich es an? Wer darf es überhaupt wem anbieten? Oder ist diese Frage inzwischen altmodisch und peinlich? Wenn ich zu lange gezögert habe, kann ich dann noch irgendwann das Du nachschieben, oder war es das dann für immer? Ist es professionell, sich von Menschen duzen zu lassen, mit denen ich eine geschäftliche Beziehung habe?
Ich habe mehrfach erlebt, dass ich und ein anderer Mensch nicht sicher waren, wie die andere Person darüber denkt. Und dann ergab sich irgendwann eine Gelegenheit und beide waren erleichtert, dass wir uns endlich duzen konnten.
Vielleicht ist die Geschichte auch für mich so ein Thema, weil ich anderen nicht gerne auf die Füße trete. Ich finde Siezen eher unangenehm, aber ich weiß, dass die Gesellschaft an sich das so macht. Deswegen ordne ich mich den Erwartungen unter und mache mit, aber nicht gerne.
Entspannung in England
Während der Jahre, die ich in England lebte, genoss ich das allgegenwärtige „you“. Alle sprachen sich gegenseitig gleich an, egal wie alt, welcher akademische Titel, welches Einkommen, was auch immer. Wenn jemand dabei etwas weniger Abstand etablieren will, kann angeboten werden, sich gegenseitig mit dem Vornamen anzusprechen. Wobei das Nennen des Namens in einer Konversation weniger oft vorkommt als die Verwendung der Pronomen du, Sie oder eben you. Jedenfalls geht es mir so.
Ich habe diese Lockerheit beim Rückzug nach Deutschland echt vermisst. Wieder hier, musste ich mich wieder umstellen. Zum Glück waren die Arbeitsgruppe an der Uni Potsdam und später die Nachbarschaftsgruppen in Brunsbüttel und Halstenbek locker genug drauf, dass von Anfang an eine Du-Basis bestand, ganz ohne Eiertanz.
Wie halte ich es heute mit dem Du oder Sie?
Ich biete meinen Schüler:innen inzwischen von Anfang an das Du an. Alleine das Verb „anbieten“ geht mir schon gegen den Strich, und viele von ihnen duzen mich nicht durchgängig, wohl weil sie es aus der Schule im Umgang mit Lehrkräften anders gewohnt sind. Dabei kann ich ihnen leider nicht helfen und so ein großes Problem scheint es für sie am Ende nicht zu sein.
Mit Eltern versuche ich inzwischen auch ein Du zu etablieren. Bei manchen ist der Zug leider schon abgefahren und ich bin genervt von mir selbst, dass ich nicht nachträglich das Sie abgeschafft bekomme.
Hier auf dem Blog und meiner Webseite habe ich relativ frühzeitig einheitlich alles auf Du gestellt. Wenn Eltern oder potentielle Schüler:innen mich über meine Seite finden, wissen sie also schon von Anfang an, woran sie sind. Von einem weiteren Teilnehmer dieser Blogparade habe ich mir gerade abgeguckt, in meiner geschäftlichen E-Mail-Signatur zu schreiben: „Gerne per Du!“ Mal sehen, ob sich das irgendwie auswirkt.
Für mich drückt ein Sie nicht zwingend Respekt aus. Es garantiert auch keinen speziell höflicheren Umgang. Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Konvention, die wir Generation für Generation einfach so weiterreichen. Würde die Unterscheidung zwischen du oder Sie irgendwann offiziell abgeschafft, ich wäre begeistert.
Wie hältst du es mit dem Du oder Sie?
Ist es dir angenehmer, mit anderen Erwachsenen per Sie zu bleiben? Oder bist du mit einem Du entspannter?
Fühlst du dich auch sehr alt, wenn junge Menschen dich siezen?
Oder wäre es dir wie mir lieber, wenn in deiner Sprache dieser Unterschied gar nicht vorgesehen wäre?
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