Du oder Sie? – relevant im Februar 26

Eine Hand hält einen Zettel, auf dem zum Ankreuzen die beiden Optionen du oder Sie stehen

Die aktuelle #relevant-Blogparade holt mich wieder direkt ab. Bin ich mit anderen Menschen lieber per Du oder Sie? In meinem Leben hat mich diese Besonderheit der deutschen Sprache schon mehrfach genervt, da freue ich mich über diesen Anlass, darüber zu erzählen.

Umstellung als Schülerin

In der Oberstufe haben mich die gleichen Lehrkräfte plötzlich gesiezt, die mich vorher ganz selbstverständlich geduzt haben. Das empfand ich als schräg, denn an meiner Person hatte sich ja nichts geändert. Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Klassenstufe das war, vermutlich war ich noch nicht einmal achtzehn Jahre alt, es wurde einfach dann der ganze Jahrgang pauschal mit Sie angesprochen.

Dieses schräge Gefühl hat mich nie so richtig verlassen. Zum Glück siezen ja Kinder heutzutage ihre eigenen Eltern nicht mehr, aber ich finde es schon bemerkenswert, dass die Anrede vom Alter abhängt. Natürlich haben Kinder und Jugendliche aus guten Gründen eine Sonderstellung, was zum Beispiel Strafmündigkeit und Wahlrecht angeht. Gleichzeitig habe ich vor ihnen nicht automatisch weniger oder anders Respekt als vor Erwachsenen. Ich habe auch zu ihnen nicht weniger Distanz. Und trotzdem duzen wir sie gewohnheitsmäßig.

Ungleiche Verteilung von Respekt

Besonders unerfreulich war für mich die Mutter meines Exfreundes. Sie fragte mich, ob sie mich mit Vornamen ansprechen und duzen dürfte. Als ich ihr ganz treuherzig sagte, dass das für mich in Ordnung sei, teilte sie mir mit, ich solle sie aber weiterhin mit Sie ansprechen. Ich war damals 19 Jahre alt und erlebte sie auch insgesamt als ziemlich konservativ. Trotzdem habe ich diese seltsame Regelung hauptsächlich so wahrgenommen, dass sie mich auf Abstand halten und ein Gefälle aufrecht erhalten wollte.

Ich habe sie nie gesiezt, sondern immer indirekt angesprochen. Ob das für sie auch so eine krampfige Zeit war, weiß ich nicht. Vielleicht ein Jahr später gestattete sie mir dann das Du. Sie sagte: „Naja, du weißt ja, wie ich heiße.“ Auch danach habe ich sie nie geduzt oder ihren Vornamen genutzt, ich blieb bei der Vermeidungsstrategie. Und unser Verhältnis zueinander blieb distanziert.

Und da sehen wir, was mich an dem Du oder Sie am meisten stört: Wenn sich zwei Personen ungleich ansprechen, entsteht dabei eine Hierarchie, als hätte die ältere Person mehr Respekt verdient. Oder jedenfalls die Person, die der anderen das Du nicht zugesteht. Vielleicht strahlt diese Erfahrung noch zusätzlich mit in meine heutige Haltung mit hinein.

Eiertanz

Was mich am Siezen außerdem nervt, ist die Unsicherheit, die bei vielen Menschen mit daran hängt. Was sagt jetzt der Knigge, wann biete ich es an? Wer darf es überhaupt wem anbieten? Oder ist diese Frage inzwischen altmodisch und peinlich? Wenn ich zu lange gezögert habe, kann ich dann noch irgendwann das Du nachschieben, oder war es das dann für immer? Ist es professionell, sich von Menschen duzen zu lassen, mit denen ich eine geschäftliche Beziehung habe?

Ich habe mehrfach erlebt, dass ich und ein anderer Mensch nicht sicher waren, wie die andere Person darüber denkt. Und dann ergab sich irgendwann eine Gelegenheit und beide waren erleichtert, dass wir uns endlich duzen konnten.

Vielleicht ist die Geschichte auch für mich so ein Thema, weil ich anderen nicht gerne auf die Füße trete. Ich finde Siezen eher unangenehm, aber ich weiß, dass die Gesellschaft an sich das so macht. Deswegen ordne ich mich den Erwartungen unter und mache mit, aber nicht gerne.

Entspannung in England

Während der Jahre, die ich in England lebte, genoss ich das allgegenwärtige „you“. Alle sprachen sich gegenseitig gleich an, egal wie alt, welcher akademische Titel, welches Einkommen, was auch immer. Wenn jemand dabei etwas weniger Abstand etablieren will, kann angeboten werden, sich gegenseitig mit dem Vornamen anzusprechen. Wobei das Nennen des Namens in einer Konversation weniger oft vorkommt als die Verwendung der Pronomen du, Sie oder eben you. Jedenfalls geht es mir so.

Ich habe diese Lockerheit beim Rückzug nach Deutschland echt vermisst. Wieder hier, musste ich mich wieder umstellen. Zum Glück waren die Arbeitsgruppe an der Uni Potsdam und später die Nachbarschaftsgruppen in Brunsbüttel und Halstenbek locker genug drauf, dass von Anfang an eine Du-Basis bestand, ganz ohne Eiertanz.

Wie halte ich es heute mit dem Du oder Sie?

Ich biete meinen Schüler:innen inzwischen von Anfang an das Du an. Alleine das Verb „anbieten“ geht mir schon gegen den Strich, und viele von ihnen duzen mich nicht durchgängig, wohl weil sie es aus der Schule im Umgang mit Lehrkräften anders gewohnt sind. Dabei kann ich ihnen leider nicht helfen und so ein großes Problem scheint es für sie am Ende nicht zu sein.

Mit Eltern versuche ich inzwischen auch ein Du zu etablieren. Bei manchen ist der Zug leider schon abgefahren und ich bin genervt von mir selbst, dass ich nicht nachträglich das Sie abgeschafft bekomme.

Hier auf dem Blog und meiner Webseite habe ich relativ frühzeitig einheitlich alles auf Du gestellt. Wenn Eltern oder potentielle Schüler:innen mich über meine Seite finden, wissen sie also schon von Anfang an, woran sie sind. Von einem weiteren Teilnehmer dieser Blogparade habe ich mir gerade abgeguckt, in meiner geschäftlichen E-Mail-Signatur zu schreiben: „Gerne per Du!“ Mal sehen, ob sich das irgendwie auswirkt.

Für mich drückt ein Sie nicht zwingend Respekt aus. Es garantiert auch keinen speziell höflicheren Umgang. Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Konvention, die wir Generation für Generation einfach so weiterreichen. Würde die Unterscheidung zwischen du oder Sie irgendwann offiziell abgeschafft, ich wäre begeistert.

Wie hältst du es mit dem Du oder Sie?

Ist es dir angenehmer, mit anderen Erwachsenen per Sie zu bleiben? Oder bist du mit einem Du entspannter?

Fühlst du dich auch sehr alt, wenn junge Menschen dich siezen?

Oder wäre es dir wie mir lieber, wenn in deiner Sprache dieser Unterschied gar nicht vorgesehen wäre?


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Fediverse reactions

Kurzzeitig Forscherin in der Chemie, danach Lehrerin an Schulen in Schleswig-Holstein, jetzt als Nachhilfelehrerin selbstständig. Nach einer Rundreise durch die Stationen Ostwestfalen, Niedersachen, England, Potsdam und Dithmarschen bin ich wieder zurück im Kreis Pinneberg, wo alles begann.

Interessiert an meinen Mitmenschen und dem Wohl des Planeten, Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und allgemein am Lernen an sich. Du willst mehr wissen? Lies meine NowPage oder meine Über-Mich-Seite.


Kommentare

3 Antworten zu „Du oder Sie? – relevant im Februar 26“

  1. Ein schönes Thema.
    Im beruflichen Kontext von Kunden bleibe ich sehr gerne beim Sie und biete auch nie ein Du an. Dienstleistergeschäft.. im Zweifel ist man der Fußabtreter des Kunden. Da schafft ein Sie im Zweifel den nötigen Abstand.
    Kollegen und Vorgesetzte werden gerne geduzt, außer es wird schwierig.

    Im privaten Alltag wird geduzt es sei denn auch da wird Abstand gebraucht.
    Wenn das jemand nicht möchte bekommt man das schon mit.

    Gerade um eine Abgrenzung zu schaffen finde ich das Sie schon hilfreich. Im Moment würde ich das nicht missen wollen.

  2. Ich hasse das Sie. Ich will auch nicht gesiezt werden. Ja, bei uns war das auch in der Oberstufe, ab der 11. Klasse sollten die Lehrer, mit denen wir seit Jahren bekannt waren auf einmal siezen…. wir haben als Jahrgangsstufe alle einstimmig abgelehnt, und auch auf ein SIE nicht reagiert, bis auch alle Lehrer es aufgegeben haben. Nix da. Geziehst wurde nicht.

    Auch wenn Freunde meines Sohnes kommen, ist das Erste, was ich sage, „Kein SIE! Ich heiße Sabrina.“ Ich hasse es so sehr. Wie du schreibst, das hat immer so einen miesen beigeschmack. Ich kann mich da an meine Patentante erinnern. Die damals keine Lust mehr hatte Patin zu sein und sich verabschiedete mit „Ab heute dann auch Frau K. und sie“ Ich hab diese Frau nie wieder angesprochen.

    Überall gibt es das nicht so krass. Und da hat ein Du auch genauso viel Respekt verdient wie andere. Ich find das so krass, zu sagen „Duzen ist respektlos“ Ich kann auch sehr gut jemanden respektlos siezen 😛 Meist verfalle ich auch ins sie, wenn ich jemanden nicht mag und keinerlei Respekt vor ihn habe (vor allem in internet)
    Mein Cheffe wird zwar auch gesiezt, aber ich glaub da ist dieses „wann bietet man das du an?“ überschritten oder ich habs überhört XD Mein Mann duzt und alle anderen im Büro… joar Xd Egal.

    Von mir aus kann man das sie abschaffen. In der Kita meiner Kinder ist es noch seltsamer xD sie + Vorname. Komm ich gar nicht drauf klar.

    Sag mal wie machst du das mit Gravatar?!? Das möchte ich auch! Das ist ja mit den Kontrollkästchen bestimmt Datenschutzmäßig perfekt gelöst

  3. Wie passend – erst heute sah ich in einer Mail den Hashtag #GernePerDu. Das habe ich allerdings erst nach meiner – gesiezten – Antwort entdeckt.

    Ich empfinde bei beidem Vorteile, beruflich sowohl beim Duzen als auch beim Siezen. Allgemein halte ich es so: Jede*r darf mich duzen, ich habe aber auch kein Problem mit dem Siezen. Sprich: In der Regel mache ich es vom Gegenüber abhängig. Gibt ja auch Situationen oder Gruppen, in denen Duzen normal(er) ist: Künstler, Aktivismus,, Sportler, Ballonfahrer (!).

    Natürlich merke ich, dass man einen leichteren Zugang hat, z. B. zu einem Bürgermeister, den man duzt. Wobei es auch davon solche gibt, die einen sehr schnell duzen, und andere, die lieber immer beim Sie bleiben; mir ist das eher egal.

    Ältere Jugendliche sieze ich auch so ab 15-16 oder sage ihnen, wir können uns duzen.

    Kolleg:innen duze ich eigentlich unaufgefordert oder biete, wenn die mich siezen, das Du an. Nur den ehemaligen Redaktionsleiter sieze ich immer noch.

    Es gibt auch Leute aus der Lokalpolitik, die ich duze und bei denen ich wünsche, ich wäre beim Sie geblieben. Es gibt schon welche, die denken, ein Du legalisiere mangelnden Respekt.

    Und manchmal ist es ganz seltsam: In einem bestimmten Kontext (etwa bei SPD-Treffen) duzen sich alle, auch mich – danach wird aber wieder gesiezt. Oder Leute fangen an, mich zu duzen, und wenn ich das erwidere, schauen sie komisch.

    Der Odenwälder hat ja auch einen kleinen Ausweg: das „ihr“ bei Leuten, bei denen er sich nicht sicher ist, ob Duzen oder Siezen angemessen ist. „Wie geht es euch, ist bei euch alles klar?“, fragen die dann. Ich gestehe, das habe ich mir auch abgeschaut.

    Schwiegereltern und Duzen – oh, ich glaube, das hat bei mir zehn Jahre oder so gedauert. Und die hatten mich von Anfang an geduzt (ich war da 18). Als dann die Schwiegermutter mit dem Du ankam, meinte ich nur, ich dachte, dass Sie mich jetzt auch endlich siezen. 😄

    LG
    Katja

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